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Martin Büsser

Der Junge von nebenan

lies mal, was zu deiner pubertät passt: Hubert Fichte, Törless oder Genet

Kritik
Martin Büsser: Der Junge von nebenan   Martin Büsser
Der Junge von nebenan
Graphic Novel
Verbrecher Verlag 2009
100 Seiten, 14,- Euro

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causing one to have a clear picture in the mind: Martin Büsser spielt mit dem begriff graphic novel und schmunzelt. in seinem buch „Der Junge von nebenan“ wird jugendliche, vor sich hin puber­tierende, also: sich aus­probie­rende sexualität nicht nur beschrie­ben, sondern auch gezeigt! so reisse­risch, so schlicht.
  Büsser, 1968 geborener theoretiker zwischen pop und gender, hat die geschichte eines schwulen coming out in den 70er jahren auf­geschrie­ben und gezeichnet, oft in der art von klotür-kritze­leien, etwa, wenn der junge sich einen himmel voller schwänze erträumt, meist aber gekonnt und mit wenigen strichen mimiken, situationen oder gar gefühle erfassend, wo andere ein ganzes filmset oder das ausufernde eines romans brauchen.
  der junge von nebenan merkt, wie seine eltern als auch er selbst sich verändern: von der mutter zunächst allein erzogen, wechelt die situation, als der vater nach jahren der abwesenheit wieder auftaucht: die eltern gehen in den bewaff­neten untergrundkampf, werden verfolgt, verhaftet und von einer spezial­einheit in stücke gerissen („ich hatte plötzlich keine mutter mehr, nur noch fetzen einer mutter, [...] so wie sich Picasso und de Kooning frauen in ihren bildern immer vorgestellt haben. zertrümmert. diese widerlichen sexisten. diese kunst-der-moderne-faschisten!“). gleich­zeitig verändern sich die träume des jungen: er lässt sich vom metzgersohn die wurst zeigen („und das ging los, als der metzger­sohn vor den augen des buben [...] den schwanz auspackte und auf den teppich in seinem kinderzimmer pisste. von dem moment an war das kinderzimmer kein kinderzimmer mehr. und wir auf komische art schon erwachsen.“) – und zeichnet seine schrammen und blut­ergüsse nach „wie klima-, wie hitzezonen,“ sodass sich am ende ein atlas der wunden ergibt, unter dem der junge zufrieden ein­schläft.
  der verfolger vom verfassungs­schutz entpuppt sich als „verklemmte, herum­streunende schwuch­tel mit bock­wurst­dickem, stin­kendem ge­schlechts­teil,“ und der junge von nebenan, mit dem es nicht so weiter­gehen kann, wächst fortan bei den gross­eltern auf, die versuchen, ihn auf die rechte bahn zu lenken: „›haupt­sache er ist gesund und findet mal eine richtige frau und eine richtige arbeit.‹ genau darum ging es 5 jahre lang: richtig behütet wieder richtig zu werden. eingerenkt, ordentlich gefaltet.“ die typische recht­fertigungs­situation junger schwuler, der ein typischer ausweg folgt: „am ende wirst du dich in berlin wiederfinden, in paris, london,“ jeden­falls raus­kommen aus der provinz.
  in der mitte des buchs wechselt Büsser nämlich vom grotesk-komischen – der dar­stellung terroris­tischer eltern und kind­licher bewä­ltigung von sex (kaugummis als kondome etc.) – hin zum philoso­phisch-poppigen, wenn er einer­seits eine Berlin-Bromley-story andeutet, also die 2008 im ventil verlag erschienene auto­biographie des Bertie Marshall nach­zeichnet, der vom schüch­ternen jungen zum exzen­trischen selbst­darsteller und pro­tago­nisten der londoner wie berliner punkszene ende der 70er jahre mutiert – andererseits aber auf ein pro­blem auf­merk­sam macht: punk zu sein und gleich­zeitig schwul. denn wenn „die tucken und die schucken mit ihrem ›cabaret‹-tick, federboa und Hans Albers [...] das wort ›PUNK‹ nur hörten, hatten sie schon wackelpudding in den knien.“ die tollsten typen kann der junge von nebenan nicht kriegen, „weil die, die gerade auf Johnny Rotten stehen, nicht schwul sind. und die, die auf Marianne Rosenberg stehen, die will ich nicht.“
  bleiben zunächst nur frauen­geschich­ten, mit „Meike zum beispiel, die tochter von sub­versiven freunden meiner eltern [und] super radikal. ›ich male dir jetzt ein KZ auf den bauch‹, sagte sie, ›block für block... und den ver­brennungs­ofen direkt auf deinen pimmel.‹“
  Martin Büssers „Junge von nebenan“ ist in allem „extra einfach gehalten, auf dass es jederzeit überzeichnet werden kann,“ was viel ver­schmitzten witz hervor­bringt, vom autor aber durch­aus ernst gemeint ist. „der versuch zu erklären, warum jungs nie zu männern werden sollten, ist gescheitert“, schreibt er und gibt vor, im ganzen buch nicht position zu beziehen, sondern immer nur die lust und das begehren des jungen von nebenan zur schau gestellt zu haben. abgesehen davon, dass Büsser gerade darin position bezieht, dass er nicht stellungen fest­schreibt, sondern eine entwicklung mit allen seitentrieben und sack­gassen schildert: ist es denn so wenig, lust und begehren nach­vollziehbar zu machen?
  jedenfalls blendet die story just an dem punkt aus, wo aus einer stereotypen eine individuelle geschichte hätte werden können: „schliesslich ist das hier ein handbuch für jungs, sich selbst auf den weg zu machen.“
  „Der Junge von nebenan“ ist ein ausge­sprochen schwules buch, weil es zeigt, wie sich (nicht ausschliess­lich, aber insbe­sondere) homosexuelle jugendliche bei jeder gelegen­heit gegenüber einer hetero­sexuellen umwelt für ihr begehren recht­fertigen müssen. und es ist ein gutes buch, weil es darauf ver­zichtet, intellektuell-verbrämte recht­ferti­gungen frei haus zu liefern, bei­spiels­weise mit lektüren, die zur puber­tät passen: Genet, der als stich­wort immer wieder vorkommt, bleibt ein schwules accessoire – der junge von nebenan hat ihn, im gegen­satz zu den starken frauen, denen er begegnet, nie gelesen.
Crauss.   25.09.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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