Martin Büsser
Der Junge von nebenan
lies mal, was zu deiner pubertät passt: Hubert Fichte, Törless oder Genet
Kritik
causing one to have a clear picture in the mind: Martin Büsser spielt mit dem begriff graphic novel und schmunzelt. in seinem buch „Der Junge von nebenan“ wird jugendliche, vor sich hin pubertierende, also: sich ausprobierende sexualität nicht nur beschrieben, sondern auch gezeigt! so reisserisch, so schlicht.
Büsser, 1968 geborener theoretiker zwischen pop und gender, hat die geschichte eines schwulen coming out in den 70er jahren aufgeschrieben und gezeichnet, oft in der art von klotür-kritzeleien, etwa, wenn der junge sich einen himmel voller schwänze erträumt, meist aber gekonnt und mit wenigen strichen mimiken, situationen oder gar gefühle erfassend, wo andere ein ganzes filmset oder das ausufernde eines romans brauchen.
der junge von nebenan merkt, wie seine eltern als auch er selbst sich verändern: von der mutter zunächst allein erzogen, wechelt die situation, als der vater nach jahren der abwesenheit wieder auftaucht: die eltern gehen in den bewaffneten untergrundkampf, werden verfolgt, verhaftet und von einer spezialeinheit in stücke gerissen („ich hatte plötzlich keine mutter mehr, nur noch fetzen einer mutter, [...] so wie sich Picasso und de Kooning frauen in ihren bildern immer vorgestellt haben. zertrümmert. diese widerlichen sexisten. diese kunst-der-moderne-faschisten!“). gleichzeitig verändern sich die träume des jungen: er lässt sich vom metzgersohn die wurst zeigen („und das ging los, als der metzgersohn vor den augen des buben [...] den schwanz auspackte und auf den teppich in seinem kinderzimmer pisste. von dem moment an war das kinderzimmer kein kinderzimmer mehr. und wir auf komische art schon erwachsen.“) – und zeichnet seine schrammen und blutergüsse nach „wie klima-, wie hitzezonen,“ sodass sich am ende ein atlas der wunden ergibt, unter dem der junge zufrieden einschläft.
der verfolger vom verfassungsschutz entpuppt sich als „verklemmte, herumstreunende schwuchtel mit bockwurstdickem, stinkendem geschlechtsteil,“ und der junge von nebenan, mit dem es nicht so weitergehen kann, wächst fortan bei den grosseltern auf, die versuchen, ihn auf die rechte bahn zu lenken: „›hauptsache er ist gesund und findet mal eine richtige frau und eine richtige arbeit.‹ genau darum ging es 5 jahre lang: richtig behütet wieder richtig zu werden. eingerenkt, ordentlich gefaltet.“ die typische rechtfertigungssituation junger schwuler, der ein typischer ausweg folgt: „am ende wirst du dich in berlin wiederfinden, in paris, london,“ jedenfalls rauskommen aus der provinz.
in der mitte des buchs wechselt Büsser nämlich vom grotesk-komischen – der darstellung terroristischer eltern und kindlicher bewältigung von sex (kaugummis als kondome etc.) – hin zum philosophisch-poppigen, wenn er einerseits eine Berlin-Bromley-story andeutet, also die 2008 im ventil verlag erschienene autobiographie des Bertie Marshall nachzeichnet, der vom schüchternen jungen zum exzentrischen selbstdarsteller und protagonisten der londoner wie berliner punkszene ende der 70er jahre mutiert – andererseits aber auf ein problem aufmerksam macht: punk zu sein und gleichzeitig schwul. denn wenn „die tucken und die schucken mit ihrem ›cabaret‹-tick, federboa und Hans Albers [...] das wort ›PUNK‹ nur hörten, hatten sie schon wackelpudding in den knien.“ die tollsten typen kann der junge von nebenan nicht kriegen, „weil die, die gerade auf Johnny Rotten stehen, nicht schwul sind. und die, die auf Marianne Rosenberg stehen, die will ich nicht.“
bleiben zunächst nur frauengeschichten, mit „Meike zum beispiel, die tochter von subversiven freunden meiner eltern [und] super radikal. ›ich male dir jetzt ein KZ auf den bauch‹, sagte sie, ›block für block... und den verbrennungsofen direkt auf deinen pimmel.‹“
Martin Büssers „Junge von nebenan“ ist in allem „extra einfach gehalten, auf dass es jederzeit überzeichnet werden kann,“ was viel verschmitzten witz hervorbringt, vom autor aber durchaus ernst gemeint ist. „der versuch zu erklären, warum jungs nie zu männern werden sollten, ist gescheitert“, schreibt er und gibt vor, im ganzen buch nicht position zu beziehen, sondern immer nur die lust und das begehren des jungen von nebenan zur schau gestellt zu haben. abgesehen davon, dass Büsser gerade darin position bezieht, dass er nicht stellungen festschreibt, sondern eine entwicklung mit allen seitentrieben und sackgassen schildert: ist es denn so wenig, lust und begehren nachvollziehbar zu machen?
jedenfalls blendet die story just an dem punkt aus, wo aus einer stereotypen eine individuelle geschichte hätte werden können: „schliesslich ist das hier ein handbuch für jungs, sich selbst auf den weg zu machen.“
„Der Junge von nebenan“ ist ein ausgesprochen schwules buch, weil es zeigt, wie sich (nicht ausschliesslich, aber insbesondere) homosexuelle jugendliche bei jeder gelegenheit gegenüber einer heterosexuellen umwelt für ihr begehren rechtfertigen müssen. und es ist ein gutes buch, weil es darauf verzichtet, intellektuell-verbrämte rechtfertigungen frei haus zu liefern, beispielsweise mit lektüren, die zur pubertät passen: Genet, der als stichwort immer wieder vorkommt, bleibt ein schwules accessoire – der junge von nebenan hat ihn, im gegensatz zu den starken frauen, denen er begegnet, nie gelesen.

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