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Manfred Enzensperger
Zimmerflimmern

Wir sind die Straße der Meisten
Goethe winkt, aber es ist Shakespeare: Manfred Enzensperger hat zimmerflimmern

Manfred Enzensperger | Zimmerflimmern
Manfred Enzensperger
Zimmerflimmern
Gedichte
Horlemann-Verlag 2007
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Also, ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich gegen die Gedichte Manfred Enzenspergers habe. Besser: ich kann es nicht greifen. Sie sind ein bisschen wie die Musik von French Teen Idol, entwerfen ganz unbestimmte Atmosphären und klingen immer wieder an große Songs an, erinnern beispielsweise an Sigur Rós, ohne in deren Duktus zu verfallen. Im nächsten Augenblick ist das déjà vu verflogen und der Soundteppich breitet sich weiter aus. Themen? Enzenspergers Gedichte sind Unterwegslyrik, ein Schauen von der Terrasse über die Promenade oder von der Straße aus in einen Hinterhof, in eine Gedenkstätten-Ecke hinein. Unscheinbares wird auf-, aber nicht mitgenommen, zieht dem Lesen keine Loipe vor, sondern harkt ein Feld plan, auf dem Routen wie Kratzer ins Leere gehen, sich zerstreuen. Dies entspricht einer Attitüde, die auch der zeitgenössischen, hippen Photographie eigen ist. Das Hässliche, Belanglose, ganz Alltägliche wird gezeigt, nicht aber kommentiert oder mit Bedeutung aufgeladen. Das macht den vorliegenden als auch die früheren Gedichtbände des 1952 geborenen Kölners so schwierig: die Gedichte haben eine schöne, eine zeitgemäße und vor allem auch junge Wirkung, die näher an polemischen Gesten von Tom Schulz lehnen als an der Altherrenlyrik eines Hans-Ulrich Treichel (*1952) oder eines Kurt Drawert (*1956). Im zimmerflimmern gehts um den „dezemberpuls“, nicht etwa um den Herbst des Lebens. Da wird getanzt, bis die Bilder auseinanderfallen und mit ihnen das jeweilige Sujet. Der Gedichtband kommt ohne erkennbaren motivischen Bogen aus, beinah jedes Gedicht macht einen neuen Ort auf. Vielleicht ist es das, was mich immernoch stört an Enzenspergers Lyrik, seit mir der erste der bisher vier im Horlemann Verlag erschienenen Bände, sperrbezirk (1999), in die Hand kam. Aber: es stört mich immer weniger, weil immer mehr Pop-Qualitäten des Autors und seiner Poesie zutage treten. Damit meine ich keine Anbiederung an eine junge Kultur oder liedhafte Verflachung der Texte, ich meine den hohen Unterhaltungswert über kurze Distanz und die Kunst des „straßen in gang“ Setzens. Enzenspergers Ikonen sind u.a. Martin Heckmanns und André Heller: „ein weißer fesselballon/ schwebt über popcornwolken“. Sie bleiben aber „gesichter die an jeder ecke den namen wechseln“, also auch Die Sterne oder Hamburger Schule heißen könnten. Übrig bleiben „ichschlacken“, Themenläden und Ohrwürmer:

grünstraße

bäume kommen in mein zimmer
schieß doch, parkhaus


kleinzeit

wir sind wechselkinder
wir sind die straße der meisten

wir sind einer von fünf
wir tragen keine spuren

wir leuchten im wendehammer
wir haben mut im gewölk

wir träumen von maulwurfshügeln auf offener see
wir atmen unter der flachen hand

wir ziehen rückwärts durchs gebälk
wir nisten unter keinem namen

wir werden durch tragen noch schöner
wir vollstrecken goldrichtig

wir grünen im hochparkett
wir setzen straßen in gang

wir nehmen kleider aus der stille
wir haben einen kleinen himmel wovon

Manfred Enzensperger im Poetenladen

Crauss.   18.08.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Crauss.
Lyrik
Prosa