Grit Kalies
Auf Zeit
man rief wohl nach bäumen – und bekam etwas plastik
Kritik
mit diesem gedichtband ist es mir, ehrlich gesagt, nicht gut ergangen. das lag zum teil an mir, teils an den gedichten. die poetische probe auf dem umschlag, die begann mit „wir hacken das eis auf / und werfen den hund / in das ewig willige wasser“ hatte mich neugierig gemacht. als ich den band aufschlug, schimmerte mir dann „im gegenlicht ein falke / über dem bergbaufolgesee“ entgegen: das erste kapitel mit texten über das „rückhaltebecken stöhna“ und die „hochhalde trages-espenhain“ beschäftigt sich mit der gegend und dem tagebau südlich leipzig. und schon war ich draussen: mir fiel nämlich ein, dass vor einigen jahren bereits einmal ein ehrwürdiger dichter versucht hatte, diese gegend zu poetisieren. ich weiss noch, dass es ihm nicht gelungen war, kam aber nicht mehr auf seinen namen oder darauf, wie das buch hiess, in dem er sich so bemühte, was mich längere zeit vom weiterlesen der Kalies'schen gedichte abhielt.
Grit Kalies, fand ich dann jedenfalls, gelingt nicht, was der klappentext verspricht: einen scharfen blick auf das zeitgeschehen zu werfen. ihre gedichte sind keineswegs „von einer in der zeitgenössischen lyrik ungewohnten klarheit“, sondern schablonen, wie sie bereits in der literaturkritik seit mitte des jahrzehnts debattiert werden in dem sinne, dass jungen lyrikern natur zu abziehbildchen gerinnt. in Kalies' „naturbesichtigung“ – und eben nicht einem sich-bewegen in der natur – sind die vögel „coloriert“ und zitronenfalter haben „schwingen“. vorhandene blumen werden nur gesehen, haben weder farbe noch namen, ganz beziehungslos zum rest. freilich, das gedicht ist eins über stadtkinder, die natur nur als bild wahrnehmen („kein pinselstrich zu viel“), die ironie bleibt dennoch auf der strecke.
und „vielleicht, das sollte man durchdenken [nicht etwa bedenken?] / war alles schlimmer als man dachte“: im bemühen um sachlichkeit wirkt die sprache der autorin bald platt („poesie ist sterbehilfe. / lass das gift langsam wirken“) und unentschlossen. reicht nicht ein detail, muss es gleich ein studium sein, das einen morgen kennzeichnet, der wie unser aller morgen medial beginnt: „gefilterter kaffee, gefilterte / nachrichten“: „studiere die aufschrift / der cornflakes-verpackung / der mensch muss sich bilden / aus eiweiss und mais.“ ist das medienkritik oder eine attacke auf die chemische industrie?
schön sind manche anfänge: „heute ein lob an die ampeln in paris“ ist so einer, „auf der rue du rome sitzen“ ein anderer. und dann – geht das Ich mit einem croissant spazieren, schaut den tauben zu und bald aus der eigenen (einsamen) wohnung auf die stadt. in den versen, die sich das ländliche vornehmen, ist vollends „der hund begraben“ („mark brandenburg“): wo lyriker wie Adrian Kasnitz es schaffen, durch die konzentration auf details provinzielle trostlosigkeit einerseits knapp und ohne floskeln zu kennzeichnen, andererseits genau durch nebensächlichkeiten das unheimliche hinter der fassade anzudeuten, fällt Kalies einfach nichts substanzielles ein: „wir trotten über den acker“ (ja, und?) und es herrscht (achtung, grosse geste) eine „dramatische unterversorgung mit hektik“.
was laut Kalies „für das dichten spricht“ ist: „man sitzt im zimmer / und tut niemandem weh“. aber das genau ist es: die texte kommen nicht aus sich heraus, „den sätzen fehlen die worte“. so ist „das ewig willige wasser“, in das der hund geworfen wird, letztendlich eine ziemlich laue bracke, die gedichte „auf zeit“ sind leider nichts weiter als „ein poetischer stock in der pfütze.“

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