Florian Neuner
Zitat Ende (1)
auf den hahn
Florian Neuners neue prosa feiert den trinkrhythmus als strukturierendes element.
zitat ende ist ein reisebuch. Florian Neuner schildert eine unruhige bahnfahrt aus dem überschwemmten venedig über graz nach slowenien. in cleveland liegt der schnee genauso hoch wie im münsterland, erfährt er, und wünscht sich genau dort hin. am besten gleich zum nordpol. zitat ende, Neuners zweites buch im ritter verlag, ist eine postromantische reise ins innere der dichterseele und ein ausgezeichneter führer durch städte, städtchen und gegenden, die von baedeckertouristen allzu leichtfertig übersehen werden. ein urlaubsbuch mit den zärtlichsten liebesszenen, deren die literatur der letzten jahre fähig war. eine mischung aus zitat, authentizität und freier phantasie, der autor bedient sich beim leser und führt ihn in seine lieblingslokale, verführt ihn teilzuhaben an bacchischen wie lukullischen sprachspezialitäten sowie erotischem: auf der autobiographischen ebene – Neuner lebt als journalist in bochum und berlin – wird formuliert, während auf der intertextuellen ebene zitiert wird. wo es zunächst um eine art verdunklung oder berechnete abschweifung zu gehen scheint – eine folge verwirrender gedanken und gefühle, an denen man sich gerne labt – gewöhnen sich die augen nach und nach an die dunkelheit. zitat ende verschweigt die namen der männer und frauen, die der handlung als charaktere zugrunde liegen, da sie unerheblich werden, wenn der erzähler „dem ruf des schwanzes“ folgt. vielleicht gehört es dazu und rundet das ganze ab, dass er schon bald in einem s/m-schuppen landet. „ab und zu muss ich pissen und lasse meine warme pisse in meine trainingshose laufen.“ wenn diese offenheit nicht vom text und von der eigentlichen handlung wegführen soll, bedarf sie der mehrdeutigkeit.
kurz vor dem bruch setzt handlung dann auch wieder ein, und wer sich bei den expliziten stellen etwas zuviel gedacht hat, beispielsweise einen bezug zur realen person des autors, kann sich hereingelegt oder beschämt fühlen, wenn noch einmal herzensstellen aus dem überschwemmten venedig in erinnerung kommen: „dann stellt der patron der düsteren bar auf der giudecca, in die ich mich geflüchtet habe, der alten dame, die in der sonne sitzen möchte, einen plastikstuhl vor die tür. dann läuft ein kleiner junge an dem lokal vorbei, auf dessen t-shirt geschrieben steht: ‚don't fuck me‘. dann pfeifen kinder auf irgendwelchen flöten, tröten, musikinstrumenten...“ und es geschieht noch etwas seltsames (in knappen worten, die in klammern gesetzt sind). horror va cuo? fragt man sich, das ende wird an dieser stelle jedoch nicht verraten. wer aufmerksam liest, kann sich „das unausweichliche bitten und suchen“ der hauptfigur nach einem ausweg nämlich bereits auf seite sechs erklären. insofern ist zitat ende ein gelungener nachfolger von Neuners venedig-roman jena paradies, und das in einer endlos langen zeile, denn zwar bilden die satzzeichen in gewisser weise haltepunkte, aber es gibt ja keine absätze, leerzeilen, gliedernde zäsuren. der grosse spannungsatem wird zurückgeführt in die beschreibung eines musikalischen verlaufs, und durch diesen handwerklich einfachen kniff kriegt Neuner es hin, dass man ihm als leser alles erlaubt. alles.
Zweite Rezension zu Zitat Ende »
Crauss. 8.09.2007 Druckansicht Seite empfehlen 

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