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Adrian Kasnitz

Den Tag zu langen Drähten

das gelb des haltestellengeländers

Adrian Kasnitz zieht gedichte wie drähte aus einem trügerischen idyll

Kritik
Adrian Kasnitz: Den Tag zu langen Drähten   Adrian Kasnitz
Den Tag zu langen Drähten
parasitenpresse 2009
40 Seiten, 8,- Euro

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„eine einzige silbe, ein fremder in diesem landstrich“ – es braucht fast nichts, um denjenigen zu erkennen, der nicht in die gegend gehört, nicht oder nicht mehr von hier kommt. dem dichter Kasnitz gelingt in seinem neuen buch „den tag zu langen drähten“ (und nicht nur dort) auf eine wohltuend schlichte, nein: magische weise, worum sich manch anderer zeitgenosse aufgeregt bemüht oder im bemühen um schlichtheit platt, langweilig und unentschlossen wirkt, wie zuletzt etwa Grit Kalies in ihrem band „auf zeit“ (mitteldeutscher verlag 2008).
  Adrian Kasnitz hat sich in westfalen umgesehen und es überall ähnlich gefunden: in dortmund und unna kann sich der samstagnachmittag genauso provinziell anfühlen wie im drahtstädtchen altena, am kahlen asten, im teutoburger wald oder in winterberg. es wird nicht viel gesprochen in den 35 gedichten, alles geht seinen gang. wenn jemand ruft „komm doch mit die halme knicken“ ist das schon viel, wenn in „wartehäuschen, busbahnhof“ die verbindungen trügen, es kein fortkommen aus dem nest zu geben scheint und „ein kleines sternchen / in der legende bedeutet ‚du hast den mittag verjuckt'“ – und wenn dann einmal ein junge da steht, „neue fuss­ballschuhe / unter dem arm, bereit, die dürftigkeit zu treten,“ so zeugt das nicht bloss von einem genauen auge oder der bereit-schaft des dichters, sich trotz aller möglicherweise beschreibbaren rotzigen wut zurückzuhalten, sich zurück­zunehmen, nein: es ist einfach grossartig.
  manchmal haben die gedichte des im sauerländischen lüdenscheid aufgewachsenen kölners etwas schamanisches, beschwören mantraartig „die menschen die wie bäume vor dir stehen wie bäume behandeln / schneller gehen mit steinen in den schuhen mit steinen / und mit eicheln im nacken das ist dein einziger schmuck“ – ein andermal, das deutsche kriegsende imaginierend, wird es unheimlich: „schon kahl die bäume // wo rus-sen lagen / [...] und als echo kehrten schüsse zurück, schüsse / aus den birken und junge schlakse zu allem bereit.“

„den tag zu langen drähten“ beschreibt tage, momente, gegenden, die wir aus unserer kindheit kennen, Kasnitz konzentriert sich auf einzelheiten, „dick bestrichene schnitten“, „eine splinte, die sich aus der kleidung löst“ usw. die ruhigen bilder sind fast immer „ein junges mädchen vor seiner zeit“, „schrammen am knie“ und „das revier, das an nichts erinnert“ als an sich selbst. dem autor kommt es darauf an, die schalheit des ganzen einzufan­gen, ohne der idylle das wort zu reden oder das ländliche leben von vornherein zu denunzieren. das schillerndste ist das silber der rutsche auf dem spielplatz, das wildeste die gierigen blicke auf die tochter des nachbarn. bei allem aber ist freilich zu spüren: es gibt mangold und ei, osterfeuer und schnaps – die nächte jedoch sind nicht sicher. das erwähnte „mädchen vor seiner zeit“ hat nämlich einen goldenen „leib, der sich unter den griffen windet“...
Crauss.   16.06.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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