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Constantin Göttfert
Im Hotelzimmer


Auf dem Bett lagen ein Mann und eine Frau, beide völlig nackt. In einem Anflug von Zärtlichkeit hatte er eben ihren Kopf zu sich herangezogen, mit beiden Händen hielt er ihn jetzt, ihre spitzen Ohren zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt, als das Telefon am Nachtkästchen kurz klingelte, nicht öfter als zwei oder dreimal, lang genug jedoch, um ihn aus seinem Tagtraum zu reißen.
  Es war ein grünes Tastentelefon. Wählen Sie 0 für den Zimmerservice stand dort in mehreren Sprachen. Es ängstigte ihn. Er wollte jetzt alles fallenlassen und aufstehen, den riesigen Zimmerschlüssel aus dem Aschenbecher nehmen, aber er hatte nicht die Kraft dazu.
  Die Balkontür war nur angelehnt, er hörte die Brandung und die Möwen, die über den nackten, roten Felsen gegen den Wind ankämpften, er hörte ihr Kreischen wie das von Kindern. Eine graue Wolkenschicht überdeckte das Dorf mit seinen unzähligen Giebeln und Kirchturmspitzen, hüllte es ein, verschlang es.
  Eine Hitze stieg in ihm hoch. Er musste sich darüber klar werden, wo er war. Der Kopf der jungen Frau lag in seinen Handschalen, immer noch waren ihre Augen geschlossen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht erschien ihm jetzt vielmehr unverbindlich als liebevoll, ein Lächeln wie es Zimmermädchen hatten, die in Anwesenheit des Gastes die Decke glatt strichen. Sie schlief noch fest, er wollte sie nicht wecken.
  Er beugte sich zu ihr hinab, er küsste sie und strich mehrmals über ihre leicht geöffneten Lippen, aber ihr Ausdruck blieb ihm fremd und unverständlich, er konnte nichts wieder zurückholen. Wie lag sie da vor ihm: ihr linkes Bein grotesk abgewinkelt, der Kopf überstreckt, sodass ihr Kehlkopf weit herausragte. Wenn jetzt jemand hereinkäme!, dachte er.
  Dieser Gedanke trieb ihn aus dem Bett.
  An der Balkontür waren ihre Kleider zu einem Häufchen zusammengefallen, ihr schwarzer Rock, die weiße Bluse. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie einander gegenseitig in ihrer Nacktheit überrumpelt hatten und ihnen so für einige Augenblicke die Gebärden der Liebenden entfallen waren, wie sie einander hilflos gegenüber standen, die Arme vom Körper abstehend wie knorrige Äste.
  In den vielen Stunden hatte sich der Stoff in der Abendsonne erwärmt, er spürte es gerne an seinen Fußsohlen.
  Als er die Balkontür öffnete, rieselten Sandkrümel aus den Verschlüssen zu einem Muster auf dem Parkettboden. Wie sah das aus? Wie ein Blitz, der aus ihrer Kleidung heraus­schoss! Salzige Meeresluft strömte nun zu ihm ins Zimmer, im aufkommenden Sturm knatterte die Markise, das Meer erschien ihm grau und ungesund. Stimmen drängten sich jetzt zwischen das Kreischen der Möwen und das Wellendonnern, es war das dumpfe Gröhlen der betrunkenen Karnevalstouristen. Unter dem silbrig-trüben Himmel sah er jetzt auch die Lichter im Dorf, die sich wie Fackeln einer wütenden Menge auf das Hotel zubewegten, ob aus Zorn oder Freude war nicht mehr zu unterscheiden, denn alles außerhalb seines Zimmers schien ihm nun von jener Ausgelassenheit, die den Fremden in einem Moment noch wie einen Bruder umarmt, um im nächsten schon zerfleischend über ihn herzufallen.
  Mit vor Kälte zitternden Händen schloss er die Balkontür. Ihm schwindelte. Nur das schläfrige Seufzen der Frau zog ihn wieder zurück aufs Bett. Wie warm und weich ihr Körper war, wie jung sie aussah, wie lächerlich aber er, der sich im Spiegel beobachtete, wenn er sich zu ihr hinabbeugte und die Augen dabei weit in den Höhlen hinaufdrehen musste!
  Sie wachte auch jetzt nicht auf. Wie in einem sanften Traum gefangen schob sie nur eine Hand auf sein Bein, öffnete die Lippen einen Spalt, aber sagte nichts mehr, sondern seufzte wieder in glücklichem Schlaf. Er wischte alles beiseite. Es ekelte ihn.
  Er stand auf und trat so dicht ans Fenster, dass der Hauch aus seinem Mund das Glas trübte.
  Er hörte das Gröhlen der Menge draußen, die Trommelschläge, die alles Leben aus den Häusern heraus- und in sich hineinzogen, die alles aufsaugten, sich einver­leibten; auch am Hotel würden sie keinen Halt machen. Das wusste er.
  Das Telefon klingelte nun wieder. Er hörte Stimmen auf dem Gang, ein plötzliches Pochen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. Für einige Augenblicke schloss er die Augen in der Hoffnung, es würde aufhören, aber man rief nach ihm, er erkannte die Stimme der Rezeptionistin, dazwischen auch die von Betrunkenen, das dumpfe Schlagen der Trommeln, als würde der Schlägel direkt das dünne Pressspanholz seiner Zimmertür erschüttern.
  Er hörte seinen Namen. Man nannte ihn Herr. Es war alles zu spät. Er nahm seine Kleidung von der Stuhllehne, zog sich an, ihre hingegen, die von Sand bedeckt war, trat er unter das Bett. Wieder pochte es. Es waren spanische Stimmen vor seiner Tür, das betrunkene Lachen verschie­dener Hotelgäste, das Klirren von Bierflaschen. Dann wieder das Rufen der Rezeptionistin, diesmal zornig und auf Spanisch. Und trotzdem hätte er es fast überhört. Der Vorname der jungen Frau erstickte in all dem Lärm. Er sah kurz auf, aber nicht länger, als hätte er nur ein lästiges Geräusch vernommen, für dessen Erklärung er jetzt nicht die Zeit hatte. Im Spiegel band er die Krawatte, aber er wagte nicht, sich dabei in die Augen zu sehen.
  Er nahm den Zimmerschlüssel aus dem Aschenbecher und hatte ihn schon ins Schloss gedrückt, als er sich doch noch einmal nach der Frau umwandte, sich zu ihr herabbeugte, aber nur noch Ekel empfand für diesen fremden Körper. Mit Grausen fasste er die Decke vom Boden und warf sie über die Schlafende und ging dann am Bett von Ecke zu Ecke, um die Daunen mit beiden Händen zu einer völlig glatten Fläche zu verstreichen.
Constantin Göttfert  2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen