Clara Ehrenwerth
Pariserei
Einmal war ich in Paris. Die Menschen, die ich kennenlernte, waren so lala, ich hatte mir keinen eigenen mitgebracht und zwar absichtlich. Kein heimlich geplanter Liebestrip, kein lang ersehnter Abend, an dem man früher als geplant mit einer kleinen Eiffelturmfigur und den Flugtickets in der Handtasche von der Arbeit kommt und der andere kullert gerade in einen anderen Körper verstrickt durchs Bett, und auch keine anschließende Szene, in der man bei schummriger Beleuchtung mehrere tränenbetropfte Fotos zerreißt, vor den Flugtickets aber in letzter Sekunde zurückschreckt und sich mit bedrohlicher Stimme schwört: „Wegen dir lass ich mir doch meinen Urlaub nicht versauen, du Mistkerl, wegen dir nicht!“, und dann steigt man am hinter einer dunklen Sonnenbrille liegenden nächsten Morgen in ein Flugzeug und tut in Paris angekommen so, als würde man sich prächtig amüsieren, beim Espresso für sechs Euro im Café de la Paix, beschissen von Händlern und Tauben vor Sacre-Coeur und nachts allein im Doppelbett zwischen dünnen Wänden an das sich inflationär küssende Pärchen denkend, mit dem man sich im Verlauf des Nachmittags an der Seine eine Bank teilen musste.
Nein, ich hatte die Reise von vorneherein als Ein-Personen-Unternehmen konzipiert und mir dadurch wie so oft eine Blamage erspart – schließlich kann sich nur der blamieren, der Zeugen für eine unwürdige oder missratene Tat hat. Wer dagegen allein einen beschissenen Urlaub verlebt, braucht sich für nichts zu schämen, sondern kann in aller Ruhe Fotos im Bekanntenkreis herumzeigen, auf denen kein Begleiter zu sehen ist, der sich gebärdet, auf seinem Zeigefinger die von der Decke hängende Pyramide im Louvre zu balancieren, oder den aus einiger Entfernung aufgenommenen Eiffelturm auf seiner Handfläche abgestellt zu haben, und der auch sonst ständig den Blick auf das Wesentliche versperrt, nicht nur auf den Bildern.
Nicht jeder möchte als Teil eines schmatzenden Love-Kollektivs nach Paris fahren, das hässlich hilflos an einer Straßenkreuzung steht und dem es nicht gelingt, den Stadtplan auseinanderzufalten, weil es sich nicht dazu imstande sieht, die ineinander geschlungenen Hände voneinander zu lösen, und das dann im Hotel mal so richtig akustisch hemmungslosen Sex haben will, und zwar zum Beispiel auch mal tagsüber, weil das in der Stadt der Liebe ja wohl erlaubt sei, aber dann ist die Frau ganz entsetzlich erschöpft und noch dazu tun ihr ganz schrecklich die Füße weh, und das mache ja wohl keinen Spaß, Sex, wo einem ganz schrecklich die Füße weh tun, das müsse er ja wohl zugeben. Lieber wolle sie jetzt erstmal die Übertragung der Leichtathletik-WM auf France 2 schauen und danach könne man doch eigentlich essen gehen, so richtig wie die echten Franzosen, mit ganz vielen Gängen und allem drum und dran, Baguette und Schnecken und was die hier eben sonst noch so essen, auf jeden Fall natürlich den berühmten französischen Wein trinken, die haben doch hier diesen guten französischen Wein.
Nachdem ich mit dem Nachtzug in Paris angekommen war (nicht wegen der Romantik, das ergab sich so!) und in dieser kleinen Montmartre-Pension mit den schönen Blumenkästen vor den uralten Fenstern mein Zimmer bezogen hatte, brach ich zu einem ausgedehnt geplanten Spaziergang durch die Stadt auf, blieb gleich beim ersten Akkordeonspieler dreißig Minuten stehen, um mir die sentimentalen Pärchen-Gesichter anzuschauen, aber es kamen keine vorbei, und ich dachte: Die frühstücken sicher alle noch, weil sie so spät aufgestanden sind, weil sie sich ja die ganze Nacht beweisen mussten, wie intensiv und lange sie sich lieben können, und zwar mit dem kompletten Showprogramm, Zigarette danach, und dann sein bester Spruch seit Jahren: „Wie würdest du es denn finden, wenn das gerade nur eine Zigarette dazwischen wäre?“, woraufhin sie ein ganz versautes Kichern zustande brachte, so halb ins Kissen hinein; und er dann am nächsten Morgen, während sie noch schlief, unrasiert und in Schlumperklamotten rüber zur Bäckerei, deux baguettes, s'il vous plait, et café au lait, das konnte er schon ganz ohne Wörterbuch sagen!, und als er sie schließlich weckte, war sie ganz begeistert, obwohl er ein bisschen Kaffee verschwappt hatte, und seitdem frühstückten sie nackt und ausgiebig, und ich saß in der Metro und hörte einem weiteren Akkordeonspieler zu.
Auf einem Plakat las ich von einer von Godard konzipierten Godard-Ausstellung, dachte: Das sollte mich auch mal einer fragen, ob ich eine Ausstellung über mich entwerfen möchte, und fuhr ins Centre Pompidou. Dort standen in drei nebeneinander liegenden, mit Gestern, Heute und Morgen betitelten Räumen vierundzwanzig Fernsehgeräte, auf denen eigene oder selbstreferenzielle Filme gezeigt wurden, deren Bezug zu Godard den in verniedlichender Herablassung als „Non-Godardians“ bezeichneten Besuchern in einem französischsprachigen Faltblatt erläutert wurden. Dazwischen hatte Godard in einer Art, die als lieblos zu bezeichnen sicher kunstbanausisch wäre, einige Holzklötze, Pappkartons und schwarz angemalte Vitrinen stellen und mit Stacheldraht, Zeitungsschnipseln und Filmrollen behängen lassen. Im Heute-Raum lief in der Mitte auf einem am Boden liegenden Flachbildschirmfernseher die Live-Übertragung der Leichtathletik-WM. Acht der zehn Besucher hatten sich nach relativ flottem Rundspaziergang um ihn versammelt; die anderen beiden hielten sich an den Händen, warfen einem avantgardistischen Zeichentrickfilm im Morgen-Zimmer um Verständnis buhlende Blicke zu und wirkten dabei fast sympathisch.
Später, auf dem Friedhof, würde man ihnen ansehen können, wie sie sich gestritten hatten, weil er die Gräber von Oscar Wilde, Jim Morrison und Chopin, sie aber lieber die von Baudelaire, Sartre und Serge Gainsbourg sehen wollte und die lagen nun mal auf unterschiedlichen Friedhöfen, und zwei Friedhöfe zu besichtigen, das wäre verschenkte Zeit gewesen in einer Stadt wie dieser, in der selbst ein Monat nicht ausgereicht hätte, um alles Wesentliche zu sehen. Schließlich hatte er sich durchgesetzt, weil sie tags zuvor schon bestimmt hatte, in welches Restaurant sie gingen, aber auf dem Friedhof maunzte sie jetzt natürlich die ganze Zeit rum, das seien ja alles gar keine echten Franzosen, die hier rumlägen, und überhaupt sei ihr dieses ganze Touri-Ding an so einem Ort total unangenehm. Er versuchte erfolglos, sie mit alltagsphilosophischen Bemerkungen von ihrem beleidigten Zorn abzulenken: „Also, dass der jetzt hier wirklich drunter liegen soll, das kann man sich gar nicht so richtig vorstellen, was?“
Kurz bevor es dämmerte, kletterte ich in das Boot einer Seine-Rundfahrts-Gesellschaft, um mir zu Hause nicht von allen, die auch schon mal in Paris waren, anhören zu müssen, wie das so ist, und wurde ständig zum unabsichtlichen Erinnerungsfotohintergrund, weil ich in der letzten Reihe saß.
Das alles erzählte ich am Abend Robert aus Stuttgart. Mitten im Kitsch machten wir es noch schlimmer und tranken Rotwein, und ich musste fast brechen, ich musste alles brechen, ich wollte eine andere Frau sein, aber das begriff er nicht, schaute nur scheu mit grünen Augen auf mich und das Mitternachtsglitzerspektakel des Eiffelturms, zwischen all den anderen. Also setzte ich den Astronautenhelm, den ich Stunden zuvor auf dem Ramschmarkt in Montmartre gekauft hatte, wieder ab, gab ihm damit also direkt die Erlaubnis, seinen Kopf an meine Schulter zu lehnen, falls er es bräuchte, aber er blinzelte nur, als wäre das Leben unfassbar, als hätte er irgendetwas überstanden.
Später nahm er dann doch meine Hand, und ich seufzte kurz und fügte mich. Wir überquerten die Seine. Die nächsten Tage wurden etwas anders.
Aus: Absagen. edition AZUR, 2009. Erscheinungstermin: 26.10.2009

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Clara Ehrenwerth
Prosa
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