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Dirk Baumeister und Frank Ruf

Vorgestellt von Christian Schloyer
 
  Vorgestellt


Dirk Baumeister wurde 1973 in Offenbach am Main geborene. Er ist Lyrik-Preis­träger der Nürn­berger Kultur­läden und in seinem „bürgerl­ichen“ Leben Infor­ma­tiker. Das ehe­malige Wortwerk-Mit­glied war einer der Mit­begründer der Erlanger Autoren­gruppe. Beiträge in Zeit­schriften und Antho­logien.

Frank Ruf wurde 1977 in Schwabach geboren und stu­dierte in Erlangen. Er ist Mit­begründer der Gruppe Wortwerk und deren Mitglied seit 2000. Er war Radio­prakti­kant unter anderem in Sydney und Gast-Dozent am Germa­nistisch-Romanis­tischen Institut der Univer­sity of Delhi. Beiträge in Zeit­schrif­ten und Antho­logien.


Dirk Baumeister und Frank Ruf

Ich staune, dass noch kein kollektiver Aufschrei durch die Bevölkerung geht: Volks­wirt­schaften werden zugrunde gerichtet, die Interes­sen von Arbeit­nehmern, Rent­nern und Bedürf­tigen verraten, die Zukunft unserer Kinder vertan, die euro­päische Idee (lange Garant für Wohl­stand und Frieden) torpediert. Das ist kein Unfall, das hat System: Die Eliten profi­tieren – und die anderen sollen diese Vor­gänge schlucken, als wären sie »alternativlos«.
  Zwar bin ich ein politischer Mensch – doch in der Kunst hierzulande misstraue ich dem Politischen. Damit geht hier der Künstler kein Risiko ein, eckt nicht an. Im Gegen­teil: Wird da nicht die Sehn­sucht nach »Verständlichkeit« (das beruhigt) und nach »Orien­tierung« (dient der Selbst­bestätigung) bedient? Wenn die Lebens­wirk­lich­keit eines Autors nicht glaub­haft vom Poli­tischen tangiert (= verletzt) wird, erstarrt das Poli­tische zur wichtig­tueri­schen Pose.
  Aber: zu einem Autor kann eine authentisch politische Grundhaltung gehören. Auf der Suche nach politischen / geschichtlichen Zwischentönen bin ich auf zwei Dichter gestoßen, deren Texte mich seit Jahren beschäftigen: Dirk Baumeister und Frank Ruf, zwei bisher kaum vernommene Stimmen in der deutsch­sprachigen Gegenwarts­lyrik.
  »wenn die juristen den rhythmus // durcheinander. werde ihnen heute // gleich erkleren, dass das nicht geht so«, schreibt Baumeister (»eine halbe gute nacht«, 2012). Das wirkt auf den ersten Blick naiv. Was interes­siert die Mächtigen die private Ord­nung, der Rhythmus dieses lyrischen Ichs? Da kann dieses wohl »erkleren« was es mag – die Welt dreht sich weiter, auch wenn's dem Ich ganz schlecht wird dabei.
  Das Private, die eigene Weltsicht, die sich bei Baumeister poetisch und ver­schroben eine ganz eigenartige Unschuld bewahrt, kollidiert mit dem Öffentlichen: mit Unpässlichkeiten, »lecher­lichkeiten« und Themen, die das Künstler-Ich tag­täg­lich beschäftigen und zermürben. Die Poesie ist hier kein Heilmittel, sondern doku­mentiert die (eigene) Hilf­losigkeit, »weil dasss Politiker noch immer keine gedichte im handgepeck // war klar« (»krieg«, 2002)
  Dabei sollte man sich über die Natur dieser vermeintlichen Naivität nicht täuschen! Sie ist nicht nur Indiz für mutige Authentizität und Leidensdruck an der Schwel­le zur Selbst­ent­blößung – sie ist ein äußerst probates Mittel zur Bloß­stellung der Welt und ihrer Grausamkeiten. Dabei ist Baumeister niemand, der neue Zu­sammen­hänge auf­decken und gänzlich Uner­hörtes verkünden will. Nein, er macht Fakten – auf seine Weise – fühlbar. Er erzeugt Notwendigkeit in einer fast intimen Berüh­rung und Teilhabe, die oft genug schmerzlich, seltener auch tröstlich ist.
  Ganz anders Frank Ruf. Seine Auseinander­setzung mit dem »Politischen« ist auf den ersten Blick kolos­sal komisch. Dadaistische Anklänge werden im »voodoo«-Zyklus (2010) beson­ders deutlich. Gedicht für Gedicht tritt hier der »Hexer« auf, der als Personi­fikation des Absur­den unserer Gegen­wart viel zu tun hat: »güterzüge voller banknoten // jagt er durch die glasfasern«, »mit einem altarkuss // eröffnet er die spiele« und »genüsslich schmiert er // compliance-creme // auf die fältchen // seiner kritiker«, »während er abends // über dem nadelwald schwebt // und junge frauen förstert.«
  Dank diesem Schabernack verweigert Ruf den allzu eindeutigen Hebel, mit dem seine Gedichte 1:1 in politische Bot­schaften auf­zulösen wären. Bezeichnend sind die Freude am assoziativen Amok­lauf, die über­schäumende Sprachlust und die bild­reichen Albern­heiten, die einem Drogen­trip ent­stammen könnten. Diese Gedichte machen Spaß – und erfüllen mich als Leser mit Schaden­freude, sobald ich eine politische Anspielung entdecke.



Dirk Baumeister
aus dem Zyklus krieg


dienstag abend 3

gewohnt dramatisch erzelt mein tv
die witwe will ihren uboot-kommandanten wieder
sein offizier nicht untergehen in ehren

stundenlang
die letzten sekunden
vor der entscheidung
schweigt der offizier
schweigt mein tv
bis zum erl:senden
› dann tauchen sie #halt auf

springt der toast

das ist vielleicht das sch:ne am gro0 werden,
sagt deine fotografische cousine.
dasss man nicht jedesmal#mehr#gleich stirbt.
sagte sie so?

nicht mehr einfach den schmerz der welt an der garderobe,
drinnen dann nur die stiche durch die brust.
und das komplett irrationale geficke.
lechelt einer zwischen den starken ledernen.
quer durch alle durch.



Frank Ruf
nuklearer jolly roger

zigarrenbäuchig taucht das uboot
aus dem meerschaum
hisst die aschenflagge und

vollbärtig spricht es vom mehrwert
der werbepausen im gefecht

etwa wenn reaktoren auf den halben preis sinken
oder wenn die neue zitrocola
einen eisberg rammt
sich mit dem schraubendeckel ins gedärm bohrt
sich dann noch als anwalt der ankerlosen anpreist

und überhaupt
alle fruchtsüchtigen
zum jagen animiert – zur rudeljagd

in hormongesteuerten risikogewässern



 

Weitere Gedichte
in poet nr. 13

Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Herbst 2012
304 Seiten, 9.80 Euro

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Christian Schloyer     07.11.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 

 
Christian Schloyer
Lyrik
die trüffel sind gefallen
nichts als verpuppung