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Chris de Simoni

Die allgemeine Lage

1.

Ich putze, sagt Elgin, meine Fensterscheiben, bis Vögel hinein­fliegen. Wer eine kleine Wohnung hat, muss Ordnung halten. Ich wohne mit meinen Eltern und einem Bruder zusammen, drei Zimmer, eine Küche, ein Bad. Gestern schob meine Mutter wieder mal eine Krise. Die ist manisch, Mann, guckt den ganzen Tag aus dem Fenster. Nach draußen geht sie nie.
 Depressiv wäre wohl richtig, denke ich, frage, als sie kurz innehält, und du?
 Eigentlich auch nicht. Meist bleibe ich in meinem Zimmer, acht Quadratmeter, rauche und höre Musik, Hip-Hop, das ist voll aggro. Nach draußen gehen ist stressig. Alles könnte passieren; es gibt so viele Dinge, so viele Menschen. Sie haben alle ihre Ge­schichte, ihre Probleme, ich kann es fühlen, das macht mir Angst. Wenn ich Angst habe, rauche ich mehr. Ich möchte damit aufhören. Nur wegen Hannah habe ich damals überhaupt angefangen. Diese hinterhältige Kuh, wenn ich sie irgendwann noch mal treffen sollte, warte nur, Hannah. Ich würde ihr so gerne mal alles ins Gesicht schreien. Heute hätte ich den Mut dazu, heute könnte ich es formulieren. Einmal, ich war für ein paar Tage bei meinem Cousin, da ist es mir gelungen, mit dem Rauchen aufzuhören. Kaum zurück, habe ich wieder angefangen. Diese Wohnung ist für vier Personen zu klein, weißt du.
 Mit dreißig, sage ich, ist es normal, dass einem die Wohnung der Eltern zu eng wird.
 Es gehört sich so, sagt sie. Was machst du morgen?

Wir spazieren über ein frisch gemähtes Feld.
  Ich schminke mich nicht, erklärt sie, weil ich irgendwann begriffen habe, wie das läuft. Sie bleibt stehen; ich nicke, schaue in ihre Augen.
  Es ist nichts als ein einziges Theater, fährt sie fort. Irgendwann hörst du mit dem Kämpfen auf. Zwei Fronten zugleich: Freundinnen, Gruppenzwang, Werbung, Talkshows einerseits, draußen; zu Hause im Wohnzimmer Eltern in Panik.
  Ich nicke wieder.
  Eine hölzerne Treppe führt zu einem Waldweg hoch. Elgin bewegt sich wie eine Frau, die weiß, dass sie betrachtet wird: etwas mehr als nötig; etwas runder als natürlich. Eine Wiese zwischen Bäumen und Fels, die Sonne wärmt, Kühe grasen. Sie hat Tee mit. Wir setzen uns ins Gras und rauchen. Die ersten Tropfen fallen nach wenigen Minuten, der Regen wird stärker, der Wind weht ihr die Haare vor die Augen. Wir stellen uns in einer Waldhütte unter, setzen uns an einem hölzernen Tisch einander gegenüber. Sie schüttelt sich die Haare aus dem Gesicht und schaut mich an. Ich kann dem Blick nicht standhalten, versuche es aber bald wieder.
  Letzte Woche, erzählt sie, war ich auf einem Firmenausflug, Jubiläum. Es gab Fleisch, das auf einem Stein im Teller weiterkocht. Dazu tranken wir Rotwein. Betrachteten eine PowerPoint-Präsentation zur Firmengeschichte. Der Chef und sein Assistent mit Bärten und weiten Hosen. Orange und braun: die Siebziger. Ein Angelausflug, dann der Umzug, Großhöchstetten neuer Standort. Ingenieurbüro Geiser. Der Name kommt vom Chef, Stefan Geiser heißt der. Ein Arsch. Unglaublich.
  Aber manche Mitarbeiter, erklärt sie, sind auch Kollegen. Wir treffen uns manchmal nach der Arbeit auf einen Kaffee oder gehen ins Kino. Neulich habe ich Bruno im Garten geholfen. Das war geil. Danach noch essen. Will der gleich mehr. Es ist, sagt sie müde, nicht zum Aushalten. Dasselbe, überall.
  Welches Selbe, frage ich mich, komme aber nicht zu Wort. Sie: Eigentlich könnte ich das alles besser: Design, Werbesprüche. Aber ich schaff es nicht, was zu sagen, bin blockiert, die halten mich für blöd, nennen mich hinter vorgehaltener Hand Bürotusse. Nadia neben mir, zum Beispiel, ist genau das. Lacht mich wegen meiner Turnschuhe aus, nennt mich alternativ. Keine Ahnung haben die. Blöde blonde Zwanzigjährige, deren Leben einzig darum kreist, gut auszusehen. Nächstes Jahr werden die ersten Leute entlassen, Abbau, alle in Panik, Wettbewerb. Und bist du mal zu einem nett, will der gleich mit dir schlafen. Fragt mich Bruno, ob ich einen Salsa-Kurs besuchen wolle; sage ich ja, geil, Salsa, will der gleich mit mir pennen. Sage ich nein, schreibt der mir einen Brief mit lauter Vorwürfen drin.
  Es regnet noch immer.
  Sie begleitet mich zum Bahnhof und bleibt dort. Winkt mir nicht nach, läuft einfach weg.

Am Abend besuche ich Monika. Sie wird nicht mehr lange in der psycho­soma­tischen Klinik, einem Hochhaus am Stadtrand, wohnen. Gibt mir ihre Schlüssel und ein paar Dinge mit, die ich in ihre Wohnung legen soll. Papiertüten, Bücher. Bittet mich darum, regelmäßig ihre Zimmerpflanzen zu gießen.
  Dauernd mache ich mir, sagt sie, irgendwelche Gedanken. Es ist zum Verzweifeln. Über Beziehungen beispielsweise. Diese ganzen Romane setzen mich unter Druck. Überall ist die Rede von der großen Liebe, Paare fressen einander nach einer ganz kurzen Trennung aus Leidenschaft beinahe auf. Das Gleiche müsste doch auch mit uns beiden geschehen, wenn du mich besuchen kommt. Manchmal, wenn es in den ersten Minuten nicht so ist, drehe ich fast durch und frage mich, was mit mir los ist, ob ich normal bin. Das beschäftigt mich dann so sehr, dass ich ganz von diesem Gedanken eingenommen bin und dich überhaupt nicht mehr wahrnehme. Im Nachhinein könnte ich mich dafür ohrfeigen. Ist das normal?
  Ich sehne mich danach, mehr zu spüren. Ich weiß nicht, ob du das verstehst. Es kommt mir im Moment so vor, als wäre ich jahrelang hinter einer hohen Mauer versteckt gewesen. Jeden Tag aufstehen, arbeiten, nach Hause gehen, essen, fernsehen, schlafen. Manchmal Freunde treffen. Reden, aber wir sagen nichts.
  Wie meinst du das, frage ich.
  Sie zieht die Schultern hoch und lässt sie wieder sinken. Schaut aus dem Fenster auf den Rasen. Eine Gruppe Menschen steht um einen Brunnen und raucht.
  Mich nimmt das einfach ziemlich ein, diese Sehnsucht. Nach Inhalt, meine ich. Du bist da keine Hilfe. Du kommst zwar täglich vorbei. Aber wir haben nur wenig Zeit. Ich muss einen strengen Tagesablauf einhalten, Gespräche führen, essen, ein Tagebuch schreiben, mich massieren lassen. Fotografiere, nehme an Gruppenspielen teil.
  Bleibt mir Zeit, lese ich Romane: Krieg und Frieden, Doktor Schiwago und alles von Isabel Allende. Liebesgeschichten. Und immer, wenn ich von dieser großen Liebe lese, werde ich unsicher. Beginne an mir zu zweifeln. An uns.
  Glaubst du wirklich, frage ich vorsichtig, dass diese Bücher so erfolgreich wären, wenn es das, was sie beschreiben, tatsächlich gäbe? Ihr Erfolg hängt doch damit zusammen, dass sie eine Sehnsucht bedienen, die nie erfüllt wird.
  Vielleicht, sagt sie, hast du Recht. Ich verliere mich manchmal in meinen Gedanken, finde nicht mehr hinaus. Es wird Zeit, dass ich mich etwas ablenke. Etwas Handfestes tue. Sonst kriege ich das nie wieder auf die Reihe. Ich werde wohl für ein paar Monate in die Berge verreisen. Kur. Es ist besser, wenn wir uns zunächst eine Weile nicht mehr sehen. Die Distanz wird mir helfen. Ich werde über alles nachdenken können.
  Also. Wenn du meinst, dass uns das weiterbringt. Ich möchte alles tun, damit du gesund wirst.
  Sie streicht mir durch die Haare und betritt den Fahrstuhl. Ich verlasse das Gebäude durch die Cafeteria und gehe quer durch die Stadt zu Fuß nach Hause.
  Kaum bin ich angekommen und habe die Schuhe ausgezogen, ruft Elgin an. Wir verabreden uns nach gefühlten zwei Stunden Reden für den nächsten Tag.
...


Auszug: Rückseitenwetter. Roman. poetenladen 2011

Christian de Simoni 2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Christian de Simoni
Prosa