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Carl-Christian-Elze
Kassette
Heute früh, als ich aufwachte, lag ein Gegenstand, der mir nicht gehörte, auf meinem Nachttisch. Ich machte mir Kaffee, ging mit dem Hund spazieren, fütterte ihn mit einem Light-Trockenfutter, überpudert mit einem weißen Pulver, einem Appetitzügler, frühstückte selbst und sagte mir schließlich: Da liegt doch noch immer dieser Gegen­stand! Es handelte sich um eine winzige Kassette. Mir ist der exakte Fachausdruck für solche winzigen Kassetten entfallen. Ich ging mit dem Hund in ein Elektro­fach­geschäft und legte die, nun sagen wir einmal, kleine Kassette auf den Verkaufs­tisch. Ich erkun­digte mich nach einem adäquaten Abspiel­gerät. Ein über­gewichtiger Verkäufer stellte mir mit beträcht­lichem Eifer ein solches adäquates, sehr fähiges Gerät, wie er meinte, neben die kleine Kassette und bot es mir zum Kauf an. Der Preis war nicht unbeträchtlich, und ich wunderte mich selbst, dass ich, ohne zu zögern, für ein solches Abspiel­gerät eine so horrende Summe ausgab, obwohl mir doch der abzu­spielende Gegenstand, die kleine Kassette also, gar nicht gehörte. Ich musste mich schon sehr über mich wundern. Aber so sehr nun wieder auch nicht. Ich ging nach Hause und setzte mich auf mein Sofa. Im Grunde hatte ich gar nichts vor an diesem Tag, sodass ich mich plötzlich glücklich schätzte, etwas gefunden zu haben, was mir dabei helfen würde, die Zeit recht ordentlich tot­zuschlagen. Ich hatte bereits die Kopfhörer aufgesetzt und den Daumen auf der Abspieltaste, als mir einfiel, dass ich mich nicht entsinnen konnte, die Wohnung zusammen mit dem Hund betreten zu haben. Ich fand den Hund noch immer im Elektro­fach­geschäft. Er habe ihn gleich gefüttert, um ihn zu beruhigen, meinte der Verkäufer, der auf irgendetwas herum­kaute, und überhaupt brüderlich tat mit meinem Hund, was mir missfiel. Noch mehr missfiel mir, dass auch mein über­gewich­tiger Hund mit dem über­gewichtigen Verkäufer ein ihm will­kommenes Techtel­mechtel zu haben schien. Sie hatten also zusammen gegessen, das war nicht rückgängig zu machen, sagte ich mir und verließ ohne ein Grußwort das Geschäft. Nie wieder würde ich dieses Geschäft betreten, so rücksichtslos kam mir das Verhalten des Verkäufers vor, der Hund leckte sich ja schließ­lich noch immer die Lippen. Dass es reichlich gewesen war, was verfüt­tert worden war, war zwar das, was ich nicht genau wissen konnte, woran ich aber plötzlich fest glaubte. Hatte ich schon einmal einen festen Glauben, dann verließ ich mich auch auf diesen festen Glauben, so war es immer gewesen, und ich bezweifle, dass es mir mit diesem Glauben jemals anders ergehen wird. Ich hänge schließlich an meinem Glauben. Ich glaubte übrigens auch fest daran, dass mich das Abspielen der Kassette sofort vergessen lassen würde, welch horrende Investition ich in das dazu benötigte Abspielgerät getätigt hatte. Ich setzte mich auf das Sofa und nahm die Kopfhörer in die Hand. Mit etwas Druck steckten die kleinen Kapseln in meinen äußeren Gehörgängen fest. Ich war so etwas nicht gewohnt und empfand den leichten Druck gegen die Wandung meiner Gehörgänge als unangenehm. Aber genug der Empfind­lich­keiten, sagte ich mir, und lächelte dem Hund noch einmal zu, bevor ich die Abspiel­taste drückte. Eine grüne Lampe leuchtete am Gerät auf, leicht schabende Geräusche waren zu hören, dann plötzlich ein Rauschen, nur kurz, dann wieder absolute Stille, dann eine Stimme, eine Männerstimme, die ich nicht kannte, woher denn auch, die Kassette gehörte mir ja schließlich nicht. Dass mich die Stimme mit meinem bürgerlichen Namen ansprach, konnte mich nicht wirklich ängstigen, denn ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Es war seltsam, aber nicht beunruhigend. Die Stimme fuhr fort, und ich sollte, glaube ich, nun die Stimme sprechen lassen:

Mein sehr geehrter Herr E., Sie werden sich wohl sehr gewundert haben, dass heute Morgen auf Ihrem Nachttisch eine winzig kleine Kassette lag, die Ihnen gar nicht gehört. Ich habe Ihnen diese winzig kleine Kassette heute Nacht auf den Nachttisch gelegt, um Ihre Neugier zu wecken. Mein Freund und Schwager, ein arbeits­loser Schlosser, war mir behilflich, Ihre Wohnung so leise wie möglich zu öffnen und keinen Schaden, weder an Ihrer Tür noch an Ihrem Schloss, zu hinterlassen. Wir wussten natürlich aufgrund unserer Voruntersuchungen Ihrer Lebens­verhält­nisse, dass Sie ein Hunde­besitzer sind, und haben Ihrem Hund heute Nacht etliche Leckereien verabreicht, die ihm ganz vorzüglich geschmeckt haben. Dafür machte er keinen Krach, ganz so, wie wir es uns erhofft hatten. Denken Sie nur, Ihr Hund wollte uns sogar aus Ihrer Wohnung hinterherlaufen, aber wir konnten seinen Kopf, ohne dass ihm auch nur ein Haar gekrümmt wurde, mit äußerster Vorsicht zurück durch den Türspalt drücken. Es wird Sie natürlich interes­sieren, und natürlich ganz zu Recht interes­sieren, warum ich, ein ganz und gar Fremder, zusammen mit meinem Schwager, einem arbeits­losen Schlosser, mitten in der Nacht in Ihre Wohnung eintrete. Ich sage mit Bedacht nicht einbreche, denn wir sind, wie schon gesagt, mit äußerster Vorsicht mit Ihrem Besitz umgegangen und haben nicht das Geringste entwendet. Im Gegenteil, wir haben zwei frische Würste und eine Kassette in Ihre Wohnung investiert, wenn Sie mir erlauben, es einmal so zu sehen und zu sagen. Es stellt sich natürlich noch immer die Frage: Warum? Warum habe ich die erwähnte Investition in Sie und in Ihren Besitz, also in Ihren Hund, getätigt? Aus Armut und Verzweiflung, mein Herr! Ja, das ist die ehrlichste Antwort, die ich Ihnen geben kann. Auch mein Freund und Schwager, der arbeits­lose Schlosser, hat sich einzig aus Armut und Verzweiflung, vielleicht kam noch ein bisschen Langeweile hinzu, dazu durchgerungen, mir Ihre Wohnung heute Nacht zu öffnen, um die winzig kleine Kassette auf Ihren Nachttisch zu legen. Übrigens habe ich mich keine Sekunde länger in Ihrer Wohnung aufgehalten, als unbedingt nötig war. Ich habe Ihre Wohnung bis zu Ihrem Schlafzimmer auf dem kürzesten Wege durchquert, die Kassette unverzüglich auf Ihrem Nachttisch abgelegt und Ihre Wohnung sogleich wieder auf dem kürzesten Wege verlassen. Ich will offen mit Ihnen reden, das alles ist natürlich nur derart direkt und ohne Zeitverzögerung möglich, wenn man das Objekt bereits kennt. Aus diesem Grunde, um mich also auf gar keinen Fall in Ihrer Anwesenheit länger als unbedingt nötig in Ihrer Wohnung aufzuhalten, habe ich mich mit meinem Freund und Schwager, dem arbeitslosen Schlosser, bereits einen Tag vorher gründlich in Ihrer Wohnung umgesehen, um die Wege kennenzulernen. Wir hatten Sie einkaufen gehen sehen und wussten natürlich, dass Sie gewöhnlich sehr viel Zeit bei Ihren Einkäufen benötigen. So hatten wir genügend Zeit, Ihre Wohnung einmal in Ruhe durchzugehen. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch Ihren Hund das erste Mal gefüttert und festgestellt, worauf er besonders gut anspricht. Wir wollten so wenig wie möglich dem Zufall überlassen, um Ihre Nachtruhe auf gar keinen Fall zu stören, denn wir wissen ja, Sie sind ein viel­beschäftigter Mann, und ich habe sogar eines Ihrer Bücher gelesen und muss sagen, es hat mir an nicht wenigen Stellen ein herzhaftes Lachen geschenkt. Wenngleich man doch merkt, dass Ihr Grundgefühl von großer Traurigkeit ist. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, ahne aber natürlich auch, dass es vielleicht wichtig für Sie ist, gerade dieses Grundgefühl großer Traurigkeit zu haben, um Ihre Bücher überhaupt schreiben zu können. Schauen Sie, ich habe dieses gleiche Grundgefühl von großer Traurigkeit, genau wie Sie, bin aber zu dumm und zu ungeschickt, um ein Buch zu schreiben. Meinem arbeitslosen Schwager und Schlosser geht es genauso. Aus diesem Grunde haben wir beschlossen, Ihnen heute Nacht diese Kassette, die Sie gerade hören, auf den Nachttisch zu legen, um Ihre Kaufkraft auszunützen. Wir wissen natürlich, dass Sie kein Millionär sind, das sieht man ja auch an Ihrer Wohnungseinrichtung, an Ihren Kleidungsstücken, den Lebensmitteln in Ihrem Kühlschrank und an vielem mehr, aber ganz ohne Zweifel haben Sie etwas mehr Geld als wir. Und Anerkennung haben Sie, womit Sie sich, denken wir, immer auch etwas trösten können. Wir haben Ihr Bild erst neulich in der Zeitung gesehen, und eigentlich war das der Anlass, sich erst einmal bei Ihnen zu Hause umzusehen. Übrigens sind Sie nicht der Erste, dem wir eine Kassette auf den Nachttisch gelegt haben. Und glauben Sie mir, man erlebt so seine Abenteuer nachts in fremden Wohnungen. Bei Ihnen in der Wohnung hat es uns bis jetzt am besten gefallen, gerade weil nichts Unerwartetes passiert ist, und wohl auch, weil mein Schwager und Schlosser und ich selbst auch ein liebevolles Auge auf Ihren Hund geworfen haben. Keine Angst, wir nehmen Ihnen Ihren Hund nicht weg, wir nehmen Ihnen gar nichts weg, wir haben Ihren kleinen, verfressenen Hund nur einfach gern. Er ist bestimmt ein guter Kamerad. Vielleicht sollten wir uns auch so einen Kameraden an­schaffen, dachten mein Schwager und ich, als wir nach dem Abliefern der Kassette noch ein Bier vor Ihrem Haus getrunken haben. Die Nacht war ganz mild, und es roch gut von den Hecken herüber, gegenüber von Ihrem Haus. Sie wohnen überhaupt sehr schön. Wenn Sie schlafen, sehen Sie übrigens glücklich aus, wussten Sie das? Und glauben Sie mir bitte, ich habe nur einmal und ganz kurz auf Ihr Gesicht geschaut, keine Sekunde länger. Mein Schwager ist bei Ihrem Hund im Wohnzimmer geblieben, er hat Ihr Schlafzimmer nie betreten, auch nicht am Vortag, das können Sie mir wirklich glauben. Nun, ich glaube, ich habe Ihnen bei all meiner Redseligkeit noch immer nicht deutlich gemacht, dass ich aus Armut und lauter Verzweiflung über meine Armut und Verzweiflung in Ihre Wohnung eingetreten bin und die winzig kleine Kassette auf Ihren Nachttisch gelegt habe und damit gezielt auf Ihre ausgewiesene Neugier als Schriftsteller gebaut habe. Ich bin arm, wissen Sie, weil ich nichts richtig kann. Ich bin bloß ein mittelmäßiger, wenn nicht sogar ein ganz und gar untalentierter Verkäufer in einem kleinen Elektrofachgeschäft ganz in Ihrer Nähe, und ich habe versehentlich eine falsche Lieferung in Auftrag gegeben. Ich habe sage und schreibe einhundert völlig überalterte Abspiel­geräte für winzig kleine Kassetten, wie Sie nun auch eins haben, bestellt, als mein Chef im Urlaub war. Auch mein Chef ist nicht reich, aber immerhin, er kann in Urlaub fahren. Ich dachte, ich könnte meine wacklige und damit überaus schlechte und schlechtbezahlte Position in diesem altehrwürdigen Elektrofachgeschäft entscheidend verbessern, indem ich etwas wage. So ging ich also auf ein außer­ordentlich günstiges Angebot ein. Es ging um die Liefe­rung von eintausend, jetzt kann ich ja doch ganz offen mit Ihnen reden, es sind nicht einhundert, sondern eintausend dieser völlig überalterten Abspiel­geräte für winzig kleine Kassetten, die ich außer­ordentlich günstig bestellen konnte. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich nichts richtig kann. Selbst auf meinem Spezialgebiet, wie man meinen könnte, der Elektro­technik also, habe ich im Grunde nur völlig unzureichende Kenntnisse, sonst wäre mir dieser Fehler nicht unterlaufen und ich hätte nicht mit meinem eigenen Geld, anstatt mit dem Geld meines Chefs, zweitausend solcher Abspielgeräte geordert. Nun ja, es sind exakt zweitausend­fünfhundert solcher Abspielgeräte, nicht eins mehr. Also eins weniger, weil Sie, wenn Sie mich gerade hören, mir eines davon zum Preis von zweien abgekauft haben. Ich ent­schuldige mich dafür, aber ich war verzweifelt. Im Grunde sind Sie eben doch der Erste, bei dem wir in die Wohnung eingetreten sind, ich habe mich einfach nicht getraut, es Ihnen gleich am Anfang einzugestehen. Ich entschuldige mich dafür, aber ich bin wirklich verzweifelt. Sie fragen sich vielleicht, wie ich überhaupt zu dem vielen Geld gekommen bin, um zwei­tausend­fünfhundert dieser Abspielgeräte zu erwerben. Sehen Sie, ich war also vorher nicht ganz arm, aber um welchen Preis? Meine Frau ist am sehr selten gewordenen Kindbettfieber gestorben und hat mir ein kleines Erbe hinter­lassen, genauer gesagt: das Erbe ihrer Mutter, die kurz zuvor an einem anderen, noch viel selteneren Fieber von jetzt auf gleich, also sehr plötzlich, gestorben ist. Das Erbe war somit von meiner Frau noch nahezu unan­gerührt geblieben gewesen, was mich aber, wie Sie sich denken können, nicht im Geringsten trösten konnte, denn ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Frau, obwohl wir uns schon sehr lange kannten. Und ein Kleinkind muss ich nun ganz allein ohne die Mutter aufziehen. Ich kann auf keine natürliche Stillung zurückgreifen, wo doch die natürliche Muttermilch das Beste ist, was es für den Säugling gibt auf der Welt, heißt es, um das Abwehrsystem heran­zubilden und zu stabilisieren. Und haben Sie nur ansatzweise eine Vorstellung davon, was gutes Milchpulver kostet? Dazu kommt, dass das Kind auf Eiweiße, also auch auf Milcheiweiße, aller­gisch reagiert. Spezielles Milchpulver mit Eiweiß­ersatzstoffen ist noch viel kost­spieliger. Also musste ich etwas wagen, um mein einziges Kind auch in Zukunft mit dem best­möglichen anti­aller­gischen Eiweißersatz-Pulver zu ernähren. Das bin ich meiner ver­storbenen Frau schuldig! Und schließ­lich ist dieses anfällige Kind alles, was mir von meiner so schönen und noch so jungen Frau geblieben ist. Natürlich habe ich einen Fehler gemacht, ganz sicher hätte ich diese Bestellung nicht tätigen dürfen, aber ich bitte Sie innig, nur einen kleinen Funken Ver­ständnis für meine nur zum Teil selbst­verschul­dete, schwierige Lage aufzubringen und mich nicht anzuzeigen und nicht anzuklagen. Auch im Namen meines Schwagers und Schlossers bitte ich Sie dringend um Nachsicht. Auch er ist ein Mann mit einem harten Schicksal. Doch davon erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal, auf einer anderen Kassette. Ich danke Ihnen nun wirklich von ganzem Herzen für den Erwerb eines dieser Abspiel­geräte und kann Ihnen versichern, dass es auch gar nicht gut ist, sich den neuesten tech­nischen Ent­wicklungen immer sogleich an den Hals zu werfen. Das sage ich Ihnen mit größter Ehrlichkeit als Elek­tro­fach­verkäufer Ihres, hoffentlich, Ver­trauens. Ich biete Ihnen an dieser Stelle ganz offen meine Freund­schaft an! Schlagen Sie ein, und ich wäre der glücklichste Mensch! Und besuchen Sie mich nur recht bald wieder im Geschäft, dann stelle ich Ihnen auch meinen Schwager und Schlosser vor. Und noch etwas, bitte bestellen Sie auch Ihrem Hund meine besten Grüße! Ich weiß, es klingt seltsam, aber wenn ich Sie darum bitte, dann weiß ich doch, dass ich mich nicht lächerlich mache, einem Hund meine besten Grüße bestellen zu lassen, denn Sie, mein Freund, sind ein guter und verständiger Mensch. Ich legte den Stift aus der Hand und noch im selben Moment erfasste mich ein bedrückendes Gefühl, mich gehörig verrannt zu haben.

 

(aus Zirkus Prosa, erscheint im Frühjahr 2011 im luxbooks Verlag)

Carl-Christian Elze  02.10.2010 (15.12.2007)  Druckansicht Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen Diese Seite weiterempfehlen

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