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Ann-Kathrin Ast
Erinnerungen an Schmutz


1

An dem Tag fand ich einen gefalteten Zettel mit feiner Schrift in meinem Brief­kasten: Herr Lauser, danke fürs Treppe putzen. Es war 22.30 Uhr. Ich freute mich, nach einem nutzlosen Essen mit meinem Vorge­setzten, auf den Mafia­film von Takeshi Kitano in meiner Tasche, den ich an die Wand proji­zieren würde. Das Wohn­zimmerlicht schal­tete ich nicht an. Ich mag es, wenn nur blasses Licht durch die Glaswand von den Häusern gegen­über fällt. Und ich mochte es an diesem Abend, dass eine Frau auf der Straße so laut lachte, dass es im neunten Stock zu hören war. Um einen Whisky zu machen, lief ich in die Küche – und erschrak; der Raum schien mir fremd.

Dunkelrote Wandschränke, Granitboden, der Bartisch aus Glas – es war ein unbe­wohntes Ab­bild meiner eigenen Küche, wie aus dem Katalog, der Ausschnitt eines künstlichen Wohnraums, nur mit den Möbeln, die ich ausgesucht hatte.
Sekunden später begriff ich, warum sich meine Wahr­nehmung so täuschte. Ich über­prüfte es in den anderen Räumen, erhellte alle lichterloh. Es war sauber. Glänzend sauber.
Zu sauber dafür, dass ich seit fünf Wochen keine Putzfrau fand.


2

Ich hatte das Bedürfnis, meine Schuhe wieder anzuziehen und holte sie aus dem Flur. Um ruhiger zu werden, dachte an meinen Beruf; an einen guten Blinker, der klingt, als hätte man es nicht mit einem im Computer erzeug­ten Laut zu tun, son­dern mit einem mecha­nischen Klicken. Der keinem beun­ruhigenden Pochen gleicht, sondern Zuversicht und Kon­trolle über die getroffene Ent­scheidung ver­mittelt. Als Sound Designer konstru­iere ich seit 14 Jahren das Geräusch, das andere Men­schen erzeugen, wenn sie ihren Blinker betä­tigen. Ich gebe Menschen die akus­tische Rück­meldung, dass sie dabei sind, abzu­biegen. An diesem Abend in der Küche stellte ich mir einen Wagen vor, der völlig geräuschlos fährt – oder gleitet. Technisch wäre das fast machbar. Zufal­lende Auto­türen, die niemand hört. Reifen, die hunderte Kilometer rollen ohne Laut. Scheiben­wischer und Fenster­heber, die sich tonlos bewegen.
Mit den Fingern fuhr ich über den hell­schwarzen Granit­boden, winzige Furchen, in die sich sonst innerhalb kürzester Zeit Staub­körner eingliederten als wären sie ein Teil des Granits. Er roch nach Maracuja.


3

Ich wählte die Nummer meiner Freundin; im Hörer heftiges Husten, das wie Lachen klang. „Du, was ist denn, ich hab das Haus voll.“
Ihre Stimme war heiser. Ich schwieg. „Robert?“
Ich bemühte ich mich, tief und deutlich zu sprechen. „Maya. Ich glaube, ich kann keinen Schmutz mehr erzeugen.“

Wie ich zu der Vermutung kam?

1. Im Hausflur hatte ich meine Straßen­schuhe ausge­schüttelt; schlug sie an den Türrahmen und aneinander. Aus den Rillen in der Sohle fiel kein Stück Erde, kein Straßenstaub heraus. Und das, obwohl ich an diesem Abend durch eine Pfütze auf dem Parkplatz des Restaurants hatte laufen müssen. Sie waren trocken. Die Rillen blank.

2. Außer mir besaß niemand einen Schlüssel zur Wohnung. Wertsachen, technische Geräte, wichtige Dokumente hatte ich überprüft – das Einzige, was fehlte, war Schmutz. Warum sollte jemand in mein Haus einbrechen mit dem einzigen Ziel, dort professionell zu putzen?


Aus dem Hörer drangen nur noch Lach­brüller, unter­brochen von Schluck­auf. An­scheinend rannte Maya mit dem schnur­losen Tele­fon in ihrer WG umher, die Nachricht zu verkünden. „Ist doch super! Ich würd mich freuen, wenn ich nicht mehr putzen müsste!“
Ich legte auf. Trennte die Lade­station des Telefons vom Strom. Dann legte ich mich auf die Tata­mimatten.


4

Im Traum saß ich in der Neigung einer riesigen Düne; sie war dunkel, aus Bau­schen Staub, vermischt mit Erde, Straßen­schmutz. Ich ließ die Körnchen aus einer Hand in die andere rieseln – es fühlte sich an wie zu leichtes Wasser. Vor meinen Füßen lag mit Spucke geformter Staub; offenbar hatte ich versucht, mein Gesicht im Staub nach­zubilden. In den Furchen und Bahnen, die wie ein Relief hervor­traten, konnte ich keine Ähnlich­keit erkennen.
Als mir Maja und mein Vorgesetzter ent­gegen­liefen, fragte ich, was sie davon hielten. Welches Gesicht?, Maya hatte einen aus­drucks­losen Blick. Mein Chef nickte und sah unsicher umher. Ich wollte fragen, ist Maya blind?, da begann der Staub­sand zu fließen; es klang wie rieseln. Die Fläche formte sich zu einem Trichter, sank nach innen, gezogen von einem Sog. Ich versuchte höher zu ge­langen und fiel hin – nichts, woran ich mich festhalten konnte.
So begann ich, den Staub zu essen. Flusen um Flusen steckte ich in den Mund. Es rieb im Hals, aber tat mir gut.


5

Ich wünschte, die Haustür zu öffnen und wie bei Maya empfangen zu werden von dem süßlichen Geruch alter Toiletten-#leitungen, der sich in der ganzen Wohnung verbreitet hat. Eine fröhliche Maya – wieso? ich rieche nichts! – die den halben Tag im Haus ver­bracht hatte. Wieso verlie­ren unsere Sinne Gerüche nach so kurzer Zeit? Ihren Kühl­schrank zu öffnen, wünschte ich mir, in einem Schwall kompos­tierter Gemüse­luft zu stehen; neben ihrem Stil­leben aus Dill und Basilikumstücken, die in mit trübem Wasser gefüllten Tellern schwimmen, silbrig schimmelnde Maracuja­schalen, zu Skulp­turen er­starrte Formen brauner Soße in Pfannen, darüber schwär­mende Fliegen, fast unsicht­bar, wenn sie sich mit Geschirr verbinden und die sich bei einer scharfen Bewegung wie ein Körper auf der Decke verteilen. Ihren Müll­eimer unter der Spüle aufzuklappen, hunderte rote längliche Köpfchen, die unver­rückbar am Innern der Mülltüte kleben, Fliegenlarven, die ein Leben in sich tragen – ich nehme die Tüte und werfe sie aus dem Fenster.


6

Es lag nicht an den Schuhen und der Küche. Was ich auch vornahm, etwas verhinderte, dass meine Handlungen Unord­nung hervor­riefen. Ich hinter­ließ einfach keine Spuren. Natürlich konnte ich noch auf den Boden spucken, essen und auf Toilette gehen. Aber Schmutz wie Staub, Sand­körner, flüchtige Erde, der Schmutz, der unbe­merkt und selbst­ständig über die Stunden des Tages anfällt, selbst dann anfällt, wenn man gar nichts tut – der hatte mich, so schien es, end­gültig verlassen. Während ich den Was­ser­kocher füllte, über­legte ich, warum das aus­ge­rechnet mir passierte; es erin­nerte mich an eine Krankheit mit Symptomen, von denen niemand wusste, wie sie ent­standen und warum sie auf­traten. Doch fühlte ich mich gesund. In meiner bis­herigen Lebens­führung konnte ich keinen Hinweis auf die Ent­wicklung finden. Weder putzte ich außer­ordent­lich gerne noch wei­gerte ich mich usw. Ich kam zu der Ver­mutung, dass sich die Sache nicht direkt auf mich bezog. Es hätte jeden treffen können.


7

„Schutz“ stand in der Suchleiste der Suchmaschine. Das „m“ hatte ich vergessen. Schnell fächerte der Computer Hilfs­angebote religiöser Sekten vor mir aus. Eine Schutz-Hotline, die 24 Stunden am Tag erreichbar sein wollte. Ich fügte den feh­lenden Buch­staben ein. Schmutz und Staub, las ich, sind sichtbare Aus­wir­kungen des allem zugrunde liegenden Prinzips der Entropie. Ich hatte die Zeile verloren und musste an den Anfang des Satzes gehen. Das Gesetz der Entropie besagt, dass in jedem System die Unord­nung be­ständig zunimmt. Demnach steht Schmutz, endete der Arti­kel, für den natür­lichen Fortgang des Lebens. Die Buchstaben des letzten Satzes druckten sich in meinen Kopf. Ich sah die Lettern in Großdruck vor mir. Zeilen um Zeilen, ohne Absatz. Es überlagerte die Erinnerung an Mayas Lachanfälle.


8

Ich sitze am Schreibtisch, immer noch, meine Gelenke werden fester, starr. Noch einmal, habe ich beschlossen, muss ich prüfen, ob ich einem Irrtum unterlegen war. In der Küche steht ein Baum, sein Stamm besteht aus verschlun­genen Wurzeln. Ich greife in den Topf, fasse einen Klumpen Erde. Er ist nicht kleiner als ein Tennisball. Im Wohnzimmer stehe ich vor dem Teppich, er ist weiß. Mein Arm spannt sich an. Ich werfe. Den Klumpen mitten auf den Teppich. So hart, dass kein Gegner ihn spielen kann.
Ann-Kathrin Ast   28.09.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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