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Andreas Thamm
Jesus


Er stellte das Glas auf den Tisch zurück. Der Geruch erinnerte an Benzin. Seine Beine schmerzten. Die Kinder waren jetzt aus der Wohnung, liefen die Straße auf und ab und bettelten und stahlen. Wenn sie nicht genug Geld mit nach Hause brachten, schlug er sie, manchmal mit der Faust, manch­mal mit dem Gürtel. Es waren nicht ihre leiblichen Kinder, sie hatten sie sich zur Pflege geholt. Die Frau vom Jugendamt hat von schwierigen Verhältnissen erzählt, ein Glück, jetzt sie, ein neues Zuhause, behütet.
  Sylvia lag noch mit flatternden Augenlidern. Solange sie sich im Bett breit machte, konnte er nicht ins Schlafzimmer. Sylvia würde bald aufwachen, sich ins Klo übergeben und ihm dann einen Kuss auf die Wange drücken. Er würde das heimlich weg­wischen. Er suchte seine Sachen zusammen, packte Werkzeug in den Rucksack.
  Sylvia schrie im Schlaf. Er rieb sich die Unterarme, die Narben waren rund und braun und hart, wie kleine Steine unter der Haut. Er nahm das Glas nur mit Daumen und Zeigefinger, ließ Leitungs­wasser hinein­laufen. Er musste sich einen anderen Dealer suchen. Man konnte sich auf niemand verlassen, ein Wort galt so viel wie das andere. Er wäre bereit, mehr Geld zu bezahlen. Er konnte bezahlen, die Kinder waren fleißig.
  Das Gerät war mit blauem Kunst­stoff verkleidet, ein gummierter Griff, ein kurzer Lauf, so etwas wie ein Magazin vor den Fingern. Er wog das Gerät mit der rechten Hand. Sylvia war aus dem Bett gefallen, also zielte er ein wenig auf sie. Dann hob er sie unter den Achseln, ihr Oberkörper schwankte. Sie fiel auf ihn, legte die Arme um seinen Hals, zwei leblose Schläuche. Sylvia war wieder einge­schlafen, stehend an ihn gelehnt. Er warf sie aufs Bett und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, guten Morgen, sagte er. Sylvia humpelte ins Bad.
  Er ging in der Küche auf und ab. Wenn die Kinder nichts erbetteln oder stehlen konnten, sammelten sie Pfandflaschen, um nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Sie kannten die Routen der erfolg­reichsten Sammler, bärtige, alte Männer in olivgrünen Parkas. Die Kinder schlugen einen von hinten nieder, rannten mit dessen gefülltem Einkaufswagen davon. Er ahnte das, aber es machte keinen Unterschied, weil Geld Geld war und die Kinder aus schwierigen Verhältnissen kamen.
  Sylvia zog Schleim hoch. Er hasste ihre rosafarbenen Hausschuhe. Sylvia wusch sich den morgendlichen Gestank nicht mehr vom Körper, übertünchte ihn nur mit Parfüm. Ihre Haut klebte. Sie versuchte die Arme nicht mehr anzuwinkeln. Er hob den Rucksack am Träger, ließ ihn wippen, damit sie es klappern und schep­pern hörte. Sylvia knotete den Bademantel vorm Bauch zusammen und nickte. Sie hatten versucht miteinander zu schlafen, aber die Anstren­gung war ihm in den Kopf gestiegen und er hatte in ihr steckend das Bewusstsein verloren. Sie erinnerten sich verschwommen.
  Er verabschiedete sich, dachte an Jugendtage. Wie es an den Bus­halte­stellen war, wie es war Gras zu rauchen, bis sich ein zweites Lid vor die Augen schob, wie es war Geld zu sparen, für einen Waffenschein, um endlich vom Balkon nach Vögeln schießen zu können. Gute Jahre, friedlichere Jahre, ein anderes Gefühl für die Dinge.
  Sie hatten den Kindern neue Namen gegeben, die ihnen besser gefielen. Der eine Junge hieß entweder Torben oder Torsten, ein Mädchen hatten sie eine Zeit lang Pisserella genannt, nur so zum Spaß. Sylvia behauptete, dass es am Anfang eins oder sogar zwei mehr gewesen seien, dass mindes­tens eines geflohen sei. Er bestritt das, war sich aber nicht sicher. Es hätte nichts gebracht. Er sagte: Lass gut sein.
  Er zog die Tür hinter sich zu, genauso behutsam wie er das Glas abgestellt hatte. Jede Bewe­gung gehorchte heute der Vorstellung ihrer selbst, dem Plan von der Bewegung, der schon existierte. Er legte Wert auf Präzision. Die harten Kanten einer Plastikbox drückten durch den Stoff des Rucksacks in seinen Rücken. Er hätte in einen hochwertigeren Rucksack inves­tieren können. Einen, der einem auch die schwerste Last leicht erscheinen lässt.
  Er legte die Hand aus Geländer und entschied sich gegen den Aufzug. Das Geländer färbte die Hand­fläche rostig. Er hoffte, jetzt nicht auf eines der Kinder zu treffen. Im Treppen­haus könnte er nicht ange­messen mit seinen Kindern kommu­ni­zieren. Andere könnten ihn hören. Das Machtverhältnis würde kippen, die Autorität wäre beschädigt. Er begegnete niemand. Es roch nach Urin.
  Die Sonne malte ein helles Rechteck. Er duckte sich neben der Tür in einen Schatten weg. Er kalkulierte die notwendigen Schrit­te, fuhr kurz mit der S-Bahn, fühlte sich beobach­tet, stieg aus. Er rieb den Rost an den Häuserwänden von der rechten Hand­fläche. Verklebte Scham­haare kitzelten wie kleine Tiere. In einer Nische kratzte er sich auf Vorrat.
  Er presste den Finger auf das weiße Rechteck. Man konnte die Klingel draußen nicht hören. Der Andere betätigte den Summer. Der Schatten malte ein dunkles Rechteck. Es stank nach Urin. Es hätte für ihn keinen Unter­schied gemacht, wenn der Andere auch Kinder gehabt hätte. Der Andere hatte keine Kinder. Manchmal gönnte der Andere sich ein Mädchen. Der Andere fand Frauen, die älter als acht­zehn waren ab­stoßend, davon wurde ihm übel. Das machte ihm das Ver­gnügen teuer.
  Sie standen sich gegenüber, die Tür dazwischen. Er versuchte das Auge des Anderen durch das Guckloch zu er­kennen. Er sah nur einen schwarzen Fleck. Der Andere wunderte sich über den Ruck­sack auf seinem Rücken. Der Andere war nicht argwöhnisch, nur ent­sprechend vorsichtig. Der Andere hatte keine Frau im Haus. Sie rieben beide mit Gummi über Beton.
  Der Andere öffnete die Tür. Sie standen sich direkt gegenüber, keiner lä­chel­te. Üblicherweise lächelten sie. Sie führten einen Dialog.
  Was war das für Scheiße?
  Ich habe keine Beschwerden bekommen. Was war damit verkehrt?
  Das war Scheiße.
  Drücke dich klar aus. Du bist nur Gast in diesem Haus. Du solltest mich nicht beleidigen.
  Ich werde dir wehtun, du hast uns Scheiße verkauft.
  Ich bin nicht daran interes­siert, einen guten Kunden zu verlieren. Du bist ein guter Kunde, verstehst, du? Kannst du verstehen, was ich dir sage?
  Was hast du da reingemacht? Rattengift? Wir mussten uns deine Scheiße in die Venen reinprügeln. Ich sage, dass das Scheiße war. Okay.
  Ich kann mir das nicht erklären. Versprochen.
  Er zog den Rucksack auf den Bauch und öffnete den Reißverschluss. Er fragte den Anderen, ob er wisse, wie das sei, wenn man nicht mehr vom Boden aufstehen könne. Er fragte den Anderen, ob er gerne gelähmt sei. Ob er das Gefühl kenne.
  Der Andere verneinte. Das Gefühl kannte er nicht. Er nahm keine Drogen mehr, das war ihm zu anstrengend geworden. Der Andere wunderte sich über den Auftritt, aber er konnte annehmen, dass er Recht hatte. Bestimmt hatte er tatsächlich Scheiße verkauft.
  Er holte einen Hammer aus dem Rucksack, keinen großen. Die Größe reichte aus, um den Anderen bewusst­los zu schlagen. Das war ein satter Schlag auf die Schädel­decke gewesen, aber seine Präzi­sion reichte noch immer. Er hatte dem Anderen den Schädel nicht eingeschlagen, da war nichts gesplittert. Er war auch nicht auf die Nase des Ande­ren gegangen, oder an dessen Gurgel.
  Der Andere wachte vom Geräusch der Nagelpistole auf. Ein hoher Ton. Er tackerte den Anderen am Parkett fest. Das Hemd spannte am Oberkörper, Abzeichnung der Formen des Anderen. Akkurat einge­schos­sene Nägel, Löcher in der Kleidung. Er nahm sich die Hose vor. Er schaute auf und sagte: Schön, dass du wieder wach bist. Er zog dem Anderen die Schuhe aus. Er sagte: Das könnte jetzt ein biss­chen wehtun.
  Er drehte die Füße nach außen und trieb Nägel in die Haut neben den Knöcheln bis in den Boden. Der Andere schrie, Tränen liefen ihm über die Wangen. Der Andere konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte. Er nahm sich das rechte Handgelenk des Anderen, streckte den Arm über den Kopf, trieb Nägel in beide Handflächen und in den Boden. Sie führten einen zweiten Dialog.
  Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr aufstehen kann.
  Huu äääh.
  Ich bin froh, dir Mitmenschlichkeit gelehrt zu haben.
  Gn Gn gah.
  Glaubst du, du hast heute etwas gelernt?
  Der Andere versuchte zu nicken. Er nahm sich noch einmal den Hammer und hieb die Nägel an den Handflächen tiefer ins Holz. Er war stolz darauf, nicht ein einziges Mal Jesus gesagt zu haben.
  Er zog die Wohnungstür des Anderen behutsam hinter sich ins Schloss. Er spürte wie die Falle dem Tür­rahmen nachgab und schnal­zend einrastete, Be­stand­teile einer einfachen Mechanik. Er prüfte die Träger seines Rucksacks, setzte ihn ab und ordnete das Werkzeug neu an, damit auf dem Heimweg keine Kante mehr in seinen Rücken bohrte.
  Er nahm nicht den Aufzug. Es stank. Das Treppenhaus war dunkel. Er wollte nicht nach einem Licht­schalter suchen, dann, erneut, das helle Rechteck, dort wo die Haustür war. Die Sonne blendete ihn.
  Er entschied sich gegen die S-Bahn. Auf der Straße kannte er die Jagdplätze der Kinder. Er hielt Ausschau. Einmal sah er einen braunen Haarschopf, vom Filz nach oben gezwirbelt, wie Torben oder Torsten ihn trug. Manchmal nannte er ihn Torben, manchmal Torsten, gar nicht aus Bös­willig­keit, sondern weil er sich nie sicher war. Der Junge gehorchte davon unab­hängig. Er war sich sicher, dass sie eines Tages nicht mehr nach Hause kommen würden, von ihrem Raubzug, dass sie heimlich Geld sparten, ihnen vorenthielten, um eine Flucht zu ermöglichen. Sie würde versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass man sie suchen müsse. Er würde sagen: Wir besor­gen uns neue, Liebling. Aber das würde Probleme mit dem Amt verursachen.
  Wenn er sich den Haarschopf einbildete, duckte er sich weg. Er wüsste nicht, wie sie, er und Torben, hier draußen aufeinander reagieren könnten.
  Es war kein weiter Heimweg. Er hatte seinen Schlüssel nicht vergessen. Im Treppen­haus legte sich angenehm eine Kühle auf sein Gesicht. Jetzt ist wohl endgültig der Sommer gekommen, dachte er. Er nahm den Auf­zug. Es bereitete ihm Freude, Knöpfe zu drücken. Er fragte sich, warum er sich drei von vier Mal gegen die Möglichkeit den Aufzug zu nehmen entschieden hatte.
  Er war einmal auf Droge nach Hause gekommen. Er hatte sich vor die falsche Tür gestellt und eine unbe­stimmte Zeit lang probiert, diese mit seinem Schlüssel zu öffnen. Die Lautstärke des Versuchs im Innern der Wohnung ist be­ein­druckend. Er hatte eine Nach­barin geweckt. Sie hatte die Tür geöffnet, war im Bade­mantel vor ihm gestanden, weißes Frottee. Er hatte geblin­zelt. Er hatte die Hand nach ihr aus­gestreckt. Er hätte gerne den Mantel berührt, ihr dann vielleicht vorm Körper gezogen. Wenn es sich danach angefühlt hätte. Sie hatte weit auf­geris­sene Augen. Sie hatte die Tür zugeschlagen. Mittel- und Ring­finger seiner rechten Hand waren zwischen Tür und Rahmen stecken geblieben. Er hatte heftig geklopft. Sie hatte die Tür noch einmal geöffnet, gerade soweit, dass er seine Hand heraus­ziehen konnte.
  Seitdem war ihm das nicht mehr passiert. Er fand das richtige Schloss für seinen Schlüssel. Sylvia saß am Küchentisch und trank Zitronen­limonade aus einem kleinen Glas. Sie sah ihn nicht an. Er konnte Haare sehen, wo die Falte ihres Bade­mantels einen Blick freigab. Er küsste sie auf den Mund.
Andreas Thamm  2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Andreas Thamm
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