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Anatolij Grinvald

Das weiße Gedicht



– Wieso musst du immer schweigen? fragte sie.
– Deswegen, weil ich dich nicht anlügen will, sagte ich und fügte hinzu: Im Grunde schweige ich überhaupt nicht. Es ist nur so, dass du nichts hörst.
– Bist du immer so?
– Wie „so“?
– Eigenartig.
– Ich bin nicht eigenartig. Ich bin – wahnsinnig. Kann dies auch bescheinigen.
– Nicht nötig. Ich glaube dir.
– Ja und was nun?
– Das ändert nichts an unserer Beziehung.
– Es freut mich für dich. Tatsächlich, ich freue mich.
– Und lebst du schon lange ... mit der Bescheinigung.
– Nicht wichtig. Weißt du, dafür ist es äußerst bequem. Es gibt einem die Möglichkeit, man selbst zu sein.
– Genau das fehlt mir oft.
– Niemandem würde es schaden, solch ein Dokument zu besitzen.
– Schon möglich.
– Aber du brauchst es sicher nicht. Meins reicht vollkommen aus für uns beide.
– Was hast du morgen vor?
– Etwas durch und durch gewöhnliches.
– Nämlich?
– Zuerst, schlafe ich bis Mittag.
– Und dann?
– Dann bleibe ich noch ein wenig unter der Bettdecke liegen.
– Ja, und dann?
– Dann kommst du.
– Und wenn ich nicht komme?
– Ich werde wohl gezwungen sein, mir mein Mittagessen selbst zuzubereiten. Aber ich glaube, du kommst.
– Schön, wenn jemand auf einen wartet.
– Schön, wenn das Warten nicht umsonst ist.

***

Ich hatte nie eine Frau. Zuallerletzt endete alles damit, dass ich sie mir erdacht habe. Dies war überaus bequem.

***

„Morgen“ hatte schon angefangen, aber ich war noch wach. Ich stellte mich schlafend, und sie, im gehen begriffen, hat alles Mögliche unternommen, um mich nicht zu wecken. Das ist sehr fürsorglich und zärtlich von ihr, genauso werde ich es ihr abends sagen.
Ohne Eile ziehe ich mich an, aber es sieht irgendwie nervös aus, nicht so wie bei ihr. Im braunen Vorzimmer blicke ich meine Aura im Spiegel an – eine kleine Delle über der Stirn – die Folge zweier schlafloser Nächte. Ich bin zu faul, meine Schuhe zu entschnüren und die Jacke auszuziehen, mich wiederaufzufrischen beschließe ich deshalb draußen, in meinem Hof, im Hof eines Mehrfamilienhauses. Scheiß drauf.
Vier Monolithe, dem leichten Novemberwind den Zugang zum Hofquadrat versperrend, erwachten und spieen das Leben in den Weltraum aus: irgendwo zerbrach ein Teller, ein Kleines steckte eine Kopfnuss ein, und dieser schallende Klaps gereichte zu einer vollwertigen, ausgewogenen Informationseinheit des Planetenfeldes.
Ich ging hinaus in die Hofmitte und fing an, die Trancegymnastik nach Hermes auszuführen. Auf dem Gehweg, sich stets umwendend, eilten Menschenmassen. Ich schloss die Augen. Nur im Kollektiv ist es möglich, sich als Individuum zu fühlen, von anderen abweichend. Ich hob ab, höher und höher, das letzte was ich hörte, war die Stimme des Mädchens: „Mama, der Mann dort ist doch ein Vögelchen, nicht? Er wird doch gleich losfliegen, oder?“

***

Alexander von Mazedonien führte gern Kriege mit Soldatenfiguren. Kissen dienten als Berge; Bücher, durch die ganze Wohnung verstreut – als Häuser von Grosny. Auf den Straßen der Stadt verkehrten Streich­holz­schachteln – russische Panzer. Manche Panzer verglühten bereits voll­kommen hilflos. Der von der chinesischen Pyro­technik verursachte Rauch bezeugte die Ausmaße der Schlachten, die sich hier zutrugen.
– Vadim, du könntest wenigstens mal lüften, sagte ich.
Er runzelte die Stirn und drehte sich weg. Ich startete den Versuch, mir auf Biegen und Brechen den Weg zum Sessel durch die ganze Stadt zu bahnen. Im Flughafen trat ich auf einen strategischen Bomber. Das Plastik knackste und pieckte den Fuß.
– Kann man bestimmt kleben, Alexander, sagte ich beschwichtigend. Er jedoch war immer noch beleidigt und sah mich nicht an. Ich räumte den Sniper und den Maschinen­pistolen­mann vom Sessel. Auf dem Zeitungs­tischchen lag die Karte von Grosny, von einem Geier gekrönt: „Geheim“. Ich äußerte meine ehrliche Ver­wunderung:
– Woher hast du das, Alexander?
Er taute auf:
– Hab' ich eingetauscht bei einem Speznas-Bekannten aus dem Witjas* (* Name der Spezialeinheit (Speznas) des russischen Militär­nachrichten­dienstes GRU – Anm. d. Ü.). Gegen meine Karre.
Er strahlte. Wahrscheinlich nicht weniger, als der besagte Speznas-Bekannte.
– Großartig, sagte ich.
Er lächelte zufrieden weiter vor sich hin und teilte mir vertrauensvoll und beinahe flüsternd mit:
– Außerdem habe ich Briefe verschickt ... an Dudajew1 und Jelzin2. Mit dem Vorschlag, mich zum Ober­befehls­haber zu ernennen. Garantiere jedem von ihnen, den Krieg innerhalb von 16 Stunden zu gewinnen.
– Genial.
– Als Gegenleistung – lebenslange Erhaltung des Oberbefehlshaberstatus plus Titel des „Generalissimo“. Das Wichtigste wäre, dass die Briefe ankämen. Was meinst du, kommen sie wohl an?
– Ach weißt du, heutzutage herrscht überall ein derartiges Chaos, besonders bei der Post ...
– Ich hab' aber als Einschreiben verschickt. Mit einem Empfangsbescheid.
– Aaa ... Na dann auf jeden Fall. Müssen ankommen.
– Trinken wir darauf?

Er schenkte Wein ein.

***

Anschließend fuhr ich zu L.W. in einem alten Wagen der öffent­lichen Verkehrs­betriebe. In der Jacken­tasche befand sich eine lange Liste – Vadim bedurfte einer neuen Waffenlieferung. Irgendwelche seiner Regeln verboten es ihm, Soldaten­figuren, Flugzeuge, Panzer, Kanonen u.a. selbst zu erwerben.
– Waffenhandel wird in der ganzen Welt durch Dritte betrieben, sagte er.

Ich fuhr im veralteten Wagen der öffent­lichen Verkehrs­betriebe und dachte, dass L.W. falsch daran getan hat, ihm zu erzählen, dass er in einem seiner früheren Leben Alexander von Mazedonien gewesen sei. Vorlage genug, verrückt zu werden.
L.W. traf ich zwar nicht an, dafür war Tanetschka zu Hause. Sie würdigte mich eines strengen Blickes.
– Ist etwas passiert, Tanetschka? fragte ich.
– Sie wissen selbst ganz genau, was passiert ist. Der Ausdruck ihrer Augen blieb unverändert.
– Ist etwas mit L.W.? fragte ich, weil ich sah, dass mit Tanetschka alles in Ordnung war.
– Mit Ihnen scheint mir etwas zu sein. Das, was Sie da machen, ist vollkommen sinnlos.
– Was mache ich denn, was sinnlos ist? Ich konnte nicht begreifen, worum es eigentlich ging.
– Das, womit Sie sich die letzten Tage beschäftigen. Das dürfen Sie nicht ... Das dürfen Sie nicht machen.
Jetzt verstand ich alles. Die liebenswerte, heilige Tanetschka war beunruhigt, aufgeregt, besorgt meinetwegen. Ich umarmte ihre Schultern und küsste sie oberhalb ihrer Augenbrauen.
– Hat L.W. dir das erzählt?
– Was macht das für einen Unterschied!

Das, womit ich mich die letzten Tage beschäftige ...

***

Ich ging langsam nach Hause. Das, womit ich mich die letzten Tage beschäftige ... Manch einer ist nicht zurückgekehrt. Aber vielleicht hat es denen dort ja gefallen? Andere wurden zu Patienten, genauer, zum Inventar psychiatrischer Kliniken. Das bedeutet, während der Dauer ihres Aufenthalts in der dünnen Materie haben sie eine eigene subjektive Betrachtungsweise der Dinge, die uns hier unten umgeben, entwickelt. Diese Betrachtungsweise vermochte nicht, sich mit der subjektiven Betrachtungsweise der Mehrheit zu decken. Das ist auch schon alles. Aber die Meinung der Mehrheit ist die Meinung des trägsten Teils der Menschheit.
Selbstverständlich muss ich, bin ich verpflichtet vorsichtig zu handeln. Damit ich Tanetschka nicht enttäusche. Damit ich für Alexander von Mazedonien sie Soldaten­figuren kaufen kann. Und um weiterer Tausende „damits“ Willen.

***

Ein Jammer, dass ich keinen Hund besitze. So muss ich jedes Mal denken, während ich die leere Wohnung betrete. Aber heute hing ihr Pelzmantel am Kleiderhaken im braunen Vorzimmer, in der Ecke lagen ihre Stiefel. Sie war zu Hause: ich lächelte und stand eine Weile da, ohne abzulegen. Etwa eine Minute. Sie erschien nicht, um mich zu begrüßen. Meine ideale, von mir erdachte Frau, war nicht so ideal, wie ich es gern gehabt hätte. „Was solls, dachte ich, wie es aussieht, kann ich den Hund nicht entbehren.“
Ich betrat das Zimmer. Sie saß auf dem zurechtgemachten Bett, eingewickelt in ein Wolltuch.
Der mich musternde Blick stellte eine genaue Kopie desjenigen dar, dessen Tanetschka mich gewürdigt hatte. Genauso blickte in der Schule die nette Lehrerin drein, wenn sie sich gezwungen sah, schlechte Noten zu vergeben.
– Ist etwas passiert? fragte ich.
Sie wandte sich ab. Ich ging zwei Schritte vor, umarmte ihre Schultern und küsste sie. Oberhalb der Augenbrauen. Danach schmeckte ich ihre Lippen ab und verglich ihren Geschmack laut mit dem von wilden Erdbeeren während eines Gewitters.
– Ich verlasse dich, war das einzige was sie sagte.
– Ja, sagte ich, natürlich ... Aber aus irgendeinem Grund, wusste ich, dass sie keine Scherze macht.
– Du willst gar nicht wissen, weshalb ich dich verlasse? fragte sie.
– Ich weiss, erriet ich und sagte: Weil zwischen uns keine Liebe besteht, wie zwischen einem echten Mann und einer echten Frau.
– Ich bin echt.
– Fast. Aber wenn es passiert, wirst du dich einfach auflösen. Und überhaupt. Es ist streng untersagt, mit einer erdachten Frau zu schlafen.
– Wieso denn?
– Weil du ... mein Ideal bist. Das, welches man immer anstrebt. Und sollte das, was du dir wünschst tat­sächlich passieren ... Verstehst du, wenn ich mein Ideal er­reiche, hört es auf zu existieren. Du wirst dich auflösen, verschwindest, ver­wandelst dich in ein Nichts. In das­jenige Nichts, aus dem du auch gekommen bist.
– Ich verstehe. Aber ich kann so nicht weitermachen, sagte sie, und sagte:
– Ich gehe.

Sie legte an und ich kauerte im Vorzimmer, sah sie an und dachte, dass eine Frau immer eine Frau bleibt, auch wenn es dein Ideal sein sollte.
Dann wartete sie auf den Lift, die Wohnungstür war geöffnet, und ich kauerte im Vorzimmer, sah sie an und dachte, dass auch eine von dir erdachte Frau das Recht hat, eine Frau zu sein und sich so zu verhalten, wie Millionen gewöhn­licher Frauen an ihrer Stelle.

Als der Lift die Plattform erreichte, kroch aus mir heraus:
– Geh' nicht ... ich bin einverstanden.
Was macht das schon für einen Unterschied, auf welche Weise man sie verliert, dachte ich, den Kopf zwischen die Hände klemmend, kauernd in meinem braunen Vorzimmer.

***

Dies war die dritte schlaflose Nacht in Folge – eine günstige Bedingung für das, womit ich mich die letzten Tage beschäftige. Zuallerletzt wird Alexander von Mazedonien auch ohne mich eine Möglichkeit finden, seine Soldatenfiguren zu kaufen, und Tanetschka wird von L.W. beruhigt werden. Weiter habe ich an nichts mehr gedacht. In jenem Moment, als die Häufigkeit der Vibrationen ihr Maximum erreicht hatte, trennte ich mich ganz leicht vom Körper. Hier hielt mich nichts fest.



1) Der erste Präsident von Tschetschenien.
2) Der erste Präsident von Russland




Übersetztung von Katarina Januschewski
Anatolij Grinvald   22.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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