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Anatolij Grinvald

Die moderne Literatur Kasachstans


Wie in vielen post­sowjetischen Ländern wird die moderne Literatur Kasachstans nicht von kasachi­scher Sprache beherrscht. Die bekann­testen Dichter und Schrift­steller Kasachstans schreiben meist auf Russisch. Zu nennen ist der Dichter und Prosaiker Olschas Sulejmenow, den der kasachische Präsident als Botschafter nach Europa verbannte, damit er sich in den politischen Kampf nicht einmische; oder der von russischen Kritikern meistgelobte Bachyt Kenschejew, der nur nominell ein Kasache bleibt – mit Ausnahme seiner ersten drei Lebensjahre lebte er außerhalb Kasachstans. Auch Jerbol Schumagulow, der sich als „kazachischer Sartre“ bezeichnet, dichtet auf Russisch.

Der moderne Medien- und Kultur­raum Kasachstans liegt innerhalb zweier Sprach­ebenen, die, nach der Meinung der zweisprachigen Kritikerin A. Bajgoschina, den parallelen Welten ähnlich sind, die verschiedene Wirklichkeit beschreiben und sich auf keine Weise miteinander überqueren.

An dieser Stelle ein wenig Geschichte: Die Invasion der Dschungaren regte die kasachischen Khane dazu an, Russland um Hilfe zu bitten. So bittet der Khan Abulchair Anfang der 18. Jahrhundert um die russische Reichszugehörigkeit. 1731 war Kasachstan an Russland angegliedert. Seit diesem Zeitpunkt prägte die russische Kultur die Weltanschauung der kasachischen Intel­lektuel­len. Das sind z.B. Tschokan Walichanow, ein enger Freund von Fedor Dostojewski, und der Dichter Abai Qunanbajuly, dessen Bedeutung für die kasachische Kultur mit einer solchen wie Goethes für Deutsch­land oder Puschkins für Russland vergleichbar ist. Sein Schaffen wurde von den Bekannt­schaften mit den russischen politischen Verbannten (neben Sibirien war Kasachstan traditionell eine Ort für politischen Sträflinge) stark beeinflusst. Er übersetzte Werke von A. S. Puschkin, M. Ju. Lermontow, I. A. Krylow sowie die ausländi­schen Klassiker ins Kasachische. Berühmt sind seine Lieder auf „Eugen Onegin“ und auf Lermontows Übersetzung von Goethes „Wandrers Nachtlied“.

Fast alle damaligen kasachischen Denker, Gelehrten und Schriftsteller ließen sich von der russischen Kultur beeinflussen, alle modernen Ideen kamen aus Russland nach Kasachstan. Die Kasachen, die einst Nomaden waren, wurden allmählich in den von Russen errichteten Städten ansässig. Somit ist die kasachische Kultur bis heute mit der russischen Kultur eng verbunden.

Es gab aber auch ganz andere, umstrittene, Einsichten darüber. Als Olschas Sulejmenow im seinem Buch „Az i Ja“ von 1975 über die Verwandtschaft der Kasachen und altertümlichen Schimären schrieb, wies er auf die große Menge von „alttürkischen“ Wörtern im Russischen hin, was, seiner Meinung nach, den starken Einfluss des alttürkischen Kulturgutes auf die russische Sprache und Kultur beweist. Das Buch provozierte einen Skandal im sowjetischen Kultur­establishment. Sulejmenow war von der sowjetischen Propaganda wegen „pro­türkizmus“ und Nationa­lismus beschuldigt. Seine Schlussfolgerungen wurden als amateurhaft bezeichnet.

Und was geschieht momentan? Gerade sind die Buchhandlungen Kasachstans mit Produktionen russischer Verlage zugeschüttet. Es handelt sich um russische, als auch ausländische Schriftsteller. Die Auflagen der einheimischen kasachischen Autoren sind dagegen gering und nur dem engen Leserkreis vertraut. Im Kultur- und Literaturleben bleibt nach wie vor Almaty vorrangig, die „Kulturhauptstadt“ Kasachstans mit anderthalb Millionen Einwohner. Hier werden die Zeitschriften „Prostor“ (Die Weite) und „Ewrasija“ (Eurasien) und die Zeitung „Knigoljub“ (Bücherfreund) herausgegeben. Die meisten der Zeit­schriften existieren nur dank dem Enthusiasmus der Redakteure. Noch gibt es die Zeitschrift „Niwa“ (Das Feld) in Astana und „Abai“ in Semipalatinsk. Von den Honoraren für die schriftstellerische Tätigkeit kann man in Kasachstan nicht leben. Die Brotberufe kasachischer Autoren liegen – wie fast immer – in der Journalistik, der Philologie oder in einer Lehrtätigkeit.

Als interessante junge Autoren der letzten Zeit sind Pawel Pogoda, Iwan Beketow und Wladimir Woronzow zu nennen. Pawel Pogoda hinterfragt in der ironischen Manier die Meinungs­freiheit und die Zensur in Kasachstan:



Suchte die Webseite der Zeitung Kasachs­tanskaja Prawda1 / Server hat geant­wortet: name error: the domain name does not exist / und gab die lange unexakte Übersetzung dieser Phrase aus, / wo jetzt die Wahrheit zu suchen? ich kann es durchaus nicht begreifen.

Interessant ist auch der ehemalige Bewohner von Semipalatinsk, Wiktor Skorochodow. In seinen Texten spürt man die gute Schule von Joseph Brodsky, aber dem Dichter gelingt es, obwohl er am Rand balanciert, nicht zur banalen Nachahmung nicht herunter zu rollen:



Die Weite wahrt das Still­schweigen wie eine Gruft, / Wie verwirrt vom Weiße der Schnee. /Sie geht jetzt weg. Ich sehe ihr hinterher./Und der Gott schaut uns beide an – vom Himmel.

Man darf auch nicht den „Enzyklo­pädie-Menschen“ Jewgenij Titajew unberück­sichtigt lassen, der bemerkens­werte Märchen mit philo­sophischem Kontext schreibt.

Andererseits sehen wir den Abfluss schöpfe­rischer Kräfte aus Kasachstan. Im Laufe der letzten Jahre ist die Anzahl der russischen Bevölkerung um das Zweifache geschrumpft: Von 6,5 Millionen auf nur 3 Millionen Einwohner. Die Zahl der Russ­land­deutschen – von einer Million auf Ein­hundert­tausend. In Kasachstan gibt es keinen Beruf „Schriftsteller“, selbst wenn ein Manuskript auf irgendeine wunderliche Weise veröffent­licht wird, gibt es dafür praktisch keine Honorare. Natürlich, wenn der Autor kein Repräsentant der offi­ziellen Lite­ratur ist, die den ständigen und ewigen Präsidenten der Republik rühmt. Der einzige Ausgang und die Rettung für kasachische Autoren ist das Internet, wo es bis heute noch keine Zensur gibt. Und sogar in diesem Fall stellen kasachische Autoren ihre Werke auf russische Webseiten und Domänen, häufig unter Pseudonym. So ist es zulässig und fast ohne Gefahr.



Russische Version als PDF
Anatolij Grinvald   22.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Anatolij Grinvald
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Essay