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haare

sie ist die, die das haar von den köpfen euch schneidet. ja, das will sie, die strähnen und locken. sie schneidet die haare der menschen dort ab, wo sie wallen. rote, das weiß sie, sind wasserfallweich und stets lang, immer lang bei den frauen. ach, rotes haar bei den frauen mit weißblassen wimpern.

die schneide ich nie! ruft sie, eure wimpern, denn die fallen von selbst und sind eigens für wünsche gedacht. dafür, für nichts sonst, stürzen sie von den lidern. ach, die wünsche

denkt sie, und sie schärft ihre schere schon jetzt für den abend. und sie prüft mit dem daumen die klingen. ein hauchfeiner schnitt in die eigene haut, bis die linie sich rötet von blut. erst dann lacht sie leicht und bricht auf in die nacht.

die luft ist sehr lau, denkt sie jetzt, da streben die haare von selbst von den köpfen! und im kino ist’s schwarz bis auf’s flimmern und tosen vom dolby surround. dort ist’s günstig.

haar von köpfen zu schneiden beherrscht sie, nichts sonst hat sie jemals gelernt und wollte auch nichts. denn was ist das, jeden tag in büros grau zu sitzen oder künste zu üben, zu reisen, zu wissen, zu wachsen. immer wollte sie schneiden, das haar dieser menschen und jener. nur selten schnitt sie den pferden die mähnen, und hunde, die bissen zu schnell für den fettigen pelz, den sie boten. nur haar von menschen zu schneiden war lohnend. davon sang bereits ihre mutter ein lied.

hier ist’s richtig, reibt sie sich die hände und holt ihre schere hervor. es flimmert und tost gerade recht von der leinwand für den schnitt an dem schönen in der reihe vor mir. hat er locken? ja, die hat er! rostbraune! da, er lehnt sich zurück!

und sie schneidet. das geht leicht von der hand. sie ist profi. der schöne merkt nichts vom metall, das ihn streift. profi ist sie durch und durch. macht ihr niemand was vor, wenn sie schneidet. jetzt summt sie ein lied, bis der sitznachbar zischt und sie fortgeht.

diese locke, merkt sie in der nächtlichen luft, windet sich um die finger wie efeu. sie ist sachter als die, die ich gestern erst schnitt. flaumig, fast die eines kindes ja noch. wenn er wüsste. denn nun ist jeder zauber bei mir, wenn ich will. jeder zauber

weiß sie, ist der ihre ab jetzt. denn sie kennt auch den nötigen spruch, den sie sagt, wenn die zeit endlich reif ist.

sie hat haare von bald jedem menschen, der lebt, schon geschnitten. gesammelt in gläsern mit aufschrift. fast aller menschen haar hier in gläsern gebannt. wie das licht sie erhellt und in glanz taucht.

wenn die zeit ganz gereift ist, werd ich liebe entfachen und kriege. was eben mensch ist und ewig besteht. werd ich lenken. das ist heikel, denn die macht wird bei mir sein. ist mir dunkel ums herz, führt’s zum krieg. liebe gibt’s, wenn ich lächle. das ist heikel. doch ich übe. bedacht nur, bedacht! dass ich lossag mich selbst von dem selbst, das mich umtreibt.

und sie brüht einen sud aus der locke des schönen. den sie trinkt, denn dann weiß sie den menschen zu spüren. hört seine augen ganz dunkel, und sieht seine stimme, die grün klingt. weiß jetzt, wie er innen sich anfühlt, jenseits von haut und von haar. wie’s im blut ist. und so macht sie es immer, jeden tag neue menschen und haar. auch die alten mit borstigen grauen. bis sie weiß, wie es aussieht in jedem. bis die sprüche von ihren lippen dann fallen und der zauber beginnt.

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