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Aleš Šteger

Das Gespräch führte Ewart Reder für die poetin
Nomadischer Unort
  Gespräch

Tania Victoria / Secretaría de Cultura CDMX, Aleš Šteger, CC BY 2.0 (Ausschnitt)
 
poetin nr. 26   externer Link
Das Gesprächsthema der 26. poetin lautet Literatur und Reisen.
Aleš Šteger, geboren 1973, veröffentlichte zahlreiche Lyrik-, Essay- und Prosabände und beschreibt sich selbst als literarische Amphibie und Grenzgänger zwischen verschiedenen Literaturwelten und Textgattungen. Mehrere Projekte mit Musikern (Vito Žuraj), bildenden Künstlern (Stojan Kerbler) und Filmemachern (Peter Zach und der Film Beyond Boundaries). Seine Bücher wurden in 16 Sprachen übersetzt. In diesem Frühjahr erscheint beim Hanser Verlag sein neuer Gedichtband Über dem Himmel unter der Erde, im Herbst beim Haymon Verlag der zweite Band des Logbuchprojekts.


 

Ewart Reder: Entwickelst du dich gerade zu einem Reiseschriftsteller? Über dein Logbuch der Gegenwart sprechen wir gleich. Mir fällt ein Kollege von dir ein. Vor 170 Jahren stach Friedrich Gerstäcker in See Richtung Amerika. Das Geld für seine Reise kam von der revolutionären Nationalsammlung in Frankfurt. Gerstäcker sollte als literarischer Botschafter das neue, demokratische Deutschland in der Welt bekannt machen. Als er wegen der zweiten Rate nach Hause telegrafierte, erfuhr er: Das Parlament war aufgelöst, preußische Truppen marschierten. Er beschloss, nicht zurückzukehren, sondern weiter zu reisen, quer durch Amerika und über den Pazifik bis in die Südsee. Das Schlechtere akzeptierte er nicht mehr. Nur das Bessere war gut genug. Er suchte ein freies und glückliches Leben, fand es zum Teil in Polynesien und schrieb darüber den Roman Tahiti. Was sagst du, nach deinen vielen Reisen: Wo auf der Erde ist das Leben frei und glücklich?

 

Aleš Šteger: Heutzutage reist man ja meistens nicht mehr, wenigstens nicht im Sinne Gerstäckers. Es sind nicht spirituelle Reisen ins Ungewisse, keine Reisen außerhalb unserer Komfortzonen, die uns die Tour-Operateure und die Reisebranche anbieten. Wir migrieren von Ort zu Ort, aber diese Orte sind immer ähnlicher, das meiste schon vorgeplant und vorgeschaut auf Google Earth. Diese Art von Massenmigrationen ins Gleiche wurde binnen einiger Jahrzehnte zum Alltag von uns allen. Man denke nur an das schnell wachsende Fluggesellschaftengeschäft. Oder das Wort Tour Operator. Was, wer wird da operiert? Was wird aus unserem Erlebniskreis ausgeschnitten? Die Flüchtlinge an den Grenzen Europas z.?B. reisen anders, sie reisen mit großem Risiko, ins Ungewisse. Mit der Globalisierung hat sich auch das Genre des Reisebuches grundsätzlich verändert. Interessante Autoren beschreiben heutzutage weniger die Hotels, die Verkehrsarten und nationalen Spezialitäten, sondern die inneren Reibungsflächen. Das Erste kann ja das Netz besser.

 

E. Reder: Ich bringe einen aktuellen Reiseschriftsteller ins Spiel: Peter Schaber. Sein Buch Konkrete Utopie. Die Berge Kurdistans und die Revolution in Rojava erzählt vom Leben im kurdischen Nordsyrien. Da sind die Leute frei immerhin von einem Staat, von der Macht der Privatvermögen und von der Männerherrschaft. Glücklich klingen die Berichte auch. Zwar wird Rojava von NATO-Truppen und -Waffen bekämpft, aber es sind Bergbewohner. Die kriegt man schwer klein und sie brauchen keine fremde Leitung. Was sagst du als Slowene: Zeigen Bergvölker uns den Weg zu Freiheit und Glück?

 

A. Šteger: Ich kenne das Buch nicht, kann deshalb nicht darüber sprechen. Ich würde aber meinen, dass seit jeher ein Bestandteil des europäischen Denkens der Utopiegedanke war. Warum brauchen wir einen konkreten Ort, wo wir glauben, dass die Leute besser, anders, in Freiheit und Glück leben? Was motiviert in uns, hier und jetzt, dieser eskapistische Gedanke? Was wird dadurch in uns, hier und jetzt, motiviert? Sei es Amerika, eine Südseeinsel oder das Schlaraffenland – wieso können wir ohne den Traum von etwas radikal Anderem nicht auskommen?

 

E. Reder: Fragen, auf die am besten die Literatur antwortet. Mein Roman Reise zum Anfang der Welt tut das. Dein Logbuch der Gegenwart ebenfalls. Der erste Band heißt Taumeln. Der zweite Band wird diesen Herbst erscheinen. Das Projekt weitet sich aus. Du fährst an bestimmte Orte in der Welt, die dich zum Schreiben zwingen. Zwölf Stunden hältst du dich an einem Ort auf, ohne Zugang zu Büchern, Medien, Internet – und schreibst, alias setzt dich auseinander mit dem, was da ist. Und was dir dazu einfällt. Mich fasziniert die Offenheit, die du für fremde Menschen entwickelst. Sind sie der Fokus deines aktuellen Schreibens oder willst du noch auf etwas Anderes hinaus?

 

A. Šteger: Ich bin ja besessen von dem Ausbessern meiner eigenen Texte. So kam die Idee fürs Logbuch. Eine der Regeln bestimmt, dass das, was ich in den zwölf Stunden schreibe, sofort gedruckt wird, also ohne jede Möglichkeit meinerseits etwas auszubessern. Ich muss also die Unvollkommenheit, die Fragilität in Kauf nehmen, mich auf das Fluidum des Augenblicklichen, auf die innere Stimme, die in den zwölf Stunden gefunden werden muss (oder manchmal auch ausbleibt), voll verlassen. Für jemanden, der keine Reisereportagen verfasst und literarisch vorgeht, ist das schon ein Wagnis und eine Herausforderung. Das Projekt will ich zwölf Jahre machen, so war es auch von Anfang an geplant. Drei Bücher, und dann ist Schluss.

 

E. Reder: Du kommst gerade aus Mexiko, lass uns über Mexiko City sprechen. Als dich die Nachricht von der Ermordung der 43 Lehramtsstudenten vor den Toren der mexikanischen Hauptstadt erreichte, wurde sie einer der Schreiborte des Logbuchs. Du schreibst – mitten in einer trubeligen Kundgebung – über Menschen, die ihre Wut auf die Regierenden in den Himmel schreien, und findest Sätze, die in das zarteste Gedicht passen würden. Dann wieder rekonstruierst du glashart die Gründe, aus denen die 43 sterben mussten. Als Nächstes kommentierst du in einer Kneipe einen TV-Ringkampf. Und meditierst plötzlich über die aztekische Göttin des Schmutzes und der Fruchtbarkeit. Wie entstehen deine Logbuch-Texte? Was passiert dabei mit dir, mit der Sprache?

 

A. Šteger: Das Logbuchprojekt entstand 2012 als Versuch, in der Sprache so unmittelbar, so wach, zugleich aber auch fragil und unvollkommen zu sein wie nur möglich. In unserem Kopf passiert ja das ganze Wörterbuch gleichzeitig, das Schreiben ist der Versuch einer präzisen Annäherung an nur eine dieser parallel verlaufenden Denkadern. Beim Logbuch offenbart sich dieser Sachverhalt, deshalb ist vieles, was normalerweise nur gefiltert und wohl geformt in Literatur vorkommt, brutal aneinandergestellt, alle Kluften und Fallen offenbarend. Trotzdem ist das Ganze in meinen Augen Poesie, auf keinen Fall Journalismus oder Reiseliteratur, obwohl viel beschrieben und berichtet wird. Das schon aus einem formalen Grund: Beim Schreiben scheue ich vorgeformtes Wissen, fertige Einstellungen, Positionen. Es handelt sich um eine extrem offene, unvorhersehbare und mutierende Form des Schreibens, deshalb eben ist der Ansatz poetisch.

 

E. Reder: In Mexiko schreibst du: »Die große Maschine unserer Zivilisation zerschmettert alles, was ihr in den Weg kommt.« Mitten in diesem Weg sitzt du und beschreibst Menschen, beschreibst ihre Gefühle, ihre Bewegungen und das, was sie ausdrücken. Welche Möglichkeiten bietet das Schreiben, sich dem Prozess der Auslöschung von Individualität und kultureller Diversität entgegen zu stellen?

 

A. Šteger: Machen wir uns nichts vor, wir schreiben für die Happy Few. Alles andere ist auch bei den gelesensten Autoren Größenwahn. Es sind auch kulturell sehr definierte Begriffe, die du da ansprichst, Erinnerungskultur und Individualität. Neulich haben sie mich in China ausgelacht in dem Sinne: Ihr typischen Mitteleuropäer mit eurem Traum von der Wichtigkeit des Individuums. Natürlich versucht man, hofft man mit dem Schreiben dagegenzuhalten, gegen Auslöschung, gegen ein zynisches amorphes Denken der Massen. Zugleich sieht man, wie viel real übrig bleibt. Wie viele Autoren aus dem neunzehnten Jahrhundert werden noch aktiv gelesen? Und aus dem sechzehnten? Wenigstens bleibt einem immer der Trost, dass man versucht hat, besser zu scheitern, und die Texte hoffentlich teilweise als Nahrungsmittel dienen für diejenigen Idealisten, die nach mir scheitern werden.

 

E. Reder: Wie verhält sich das Suchen nach Wörtern und Sätzen zu dem Suchmodus des Reisens? Oder welche Auswirkung hatte das Reisen zuletzt auf dein Schreiben? Wenn du magst, beziehe in deine Antwort die Lyrik mit ein. Der Buchmesse-Gossip in Frankfurt 2018 wusste, dass du einen neuen Gedichtband heraus bringst. In deinem Buch der Körper von 2012 sind die Reiseeindrücke, wenn ich richtig lese, mehr Teil eines Kulturdialogs als das Springen in radikal fremde Situationen. Ändert sich da gerade etwas?

 

A. Šteger: Das ganze Schreiben ist ja, wie schon Octavio Paz sagte, ein System von Zeichen im permanenten Kreisen. Ab und zu öffnet sich ein Durchblick, der aber nur in der Zeit verankert existiert und deshalb wie jede Flamme dem baldigen Erlöschen versprochen ist. Ähnlich ist es mit dem Reisen. Man betritt einen Raum oder Ort nur einmal zum ersten Mal. Es ist ein Geschenk, weil man da am klarsten die Konturen, den Anderen und dadurch vor allem sich selber erblickt. Deshalb generieren Orte so viel an Literatur, weil sie letztendlich Splitter des nomadischen Unortes, der wir als moderne Monaden sind, aufleuchten lassen.

 

E. Reder: Der fremde Ort übt einen Zwang aus auf dein Schreiben, den du von der Wirklichkeit nicht mehr gewohnt bist, richtig? Eine Besonderheit des Logbuchs ist, dass die unplanbaren, überrumpelnden Eindrücke immer wieder auch die Reflexion über Bekanntes anstoßen. Dabei fühle ich als Leser erst so richtig meine Entwurzelung, Zitat: »Wir sind das verlorene Kind in der Mitte einer Stadt, die wir über Jahrtausende hinweg errichtet haben.« Wäre das nicht ein schönes neues Projekt: die eigene Kultur in ihrer völligen Fremdheit abschreiten / abschreiben?

 

A. Šteger: Die wertvollsten Momente für mich persönlich beim Logbuchschreiben sind Momente von extremster Verdichtung, eigentlich Zeitaufhebung, wo man als Schreibender das Gefühl bekommt, die Welt entsteht mit dem Schreiben, oder besser gesagt, die eigene Intuition weiß von vornherein genau, was kommt, und hebt dann für kurze Augenblicke die Zeit auf durch das Erkennen dieses Wissens, das durch Sprache empor gerufen und getragen wird, kreiert eine Art poetischen Kairos. Im Mexikotext zum Beispiel fange ich mit der Beschreibung der Engelsstatue auf der Glorieta an. Sieben oder acht Stunden später treffe ich eine Engels verkleidete Figur in der Stadt, ungeplant. Würde ich diese Figur erkannt, in den Text aufgenommen haben, ohne über Engel zuvor geschrieben zu haben? Was ist zuvor und was danach?

 

E. Reder: Noch mal zum Reisemodus: Ich bin auf Reisen ein Anderer, weil mich keiner kennt. Das heißt, ich lerne Andere auf eine neue Art kennen. Dabei erfahre ich die heimliche Gleichheit jenseits des westlichen Konzepts von Individualität, das du gerade angesprochen hast. Auf dem Belgrader Busbahnhof 2015, angesichts der vielen gestrandeten Flüchtlinge schreibst du von einer Verbundenheit aller Menschen »an den verborgenen Enden der Fäden, an denen unsere Schicksale hängen und gewogen werden«. Darf ich deinem Reisen, deinem Schreiben auch eine Prise Mystik entnehmen?

 

A. Šteger: Ich würde das nicht Mystik nennen, es ist eher eine möglichst weite Öffnung der Herzmuskulatur und von allem, was man symbolisch damit verbindet, und der Versuch, wirklich so wenig hinter Wissen und Kontext Schutz zu suchen wie nur möglich. Ich weiß genau, wenn dem so ist oder wenn nicht. Auch die Folgen einer derartigen emotionalen, sympathetischen Öffnung sind körperlich genau spürbar. Das Schreiben dauert zwar nur zwölf Stunden, es sind aber zugleich die längsten zwölf Stunden, die man sich vorstellen kann. Und die Erschöpfung danach ist dem entsprechend.

 

E. Reder: Ich will das Besondere deiner Reisetexte zuletzt noch mal hervor heben, und zwar im Vergleich zu Reisen, die manche Dichterkollegen machen. Die es auch schwer haben, keine Frage. Das Geld, das die Mittelklasse einst für Bücher ausgegeben hat, setzt sie heute in Kerosin um. Die Antwort der Natur auf diese Entwicklung ist der Reiselyriker. Er fliegt die Urlaubsreisen seiner Kundschaft nach, damit die seinen Gedichtband mitbezahlt – quasi als den Rülpser nach dem hastig runter geschlungenen Sternemenu. »Ressentiment-Lesen« hieß das bei Adorno. Wer vergessen hat, etwas zu fühlen, kauft schnell noch ein Gedicht. Dann kann das Erlebte abgehakt werden.

 

A. Šteger: Ich sehe das weniger zynisch und bin auch mit deiner Interpretation der Dichterreisen nicht einverstanden. Es ist klar, dass wir alle Lesungen machen, um überleben zu können. Keiner, der sich mit Gedichten beruflich beschäftigt, hat es heutzutage leicht. Ich finde, seltene und wichtige Autoren, die aufgrund ihres Erfolges oft blind angefeindet werden, haben es am schwersten, weil sie mit dem Erfolg eine extrem große Last aufgelegt bekommen und als Vormund für Poesie in der Gesellschaft gesehen werden. Das übt extremen Druck aufs Schreiben und aufs Leben aus. Ich denke auch nicht, dass die Sensibilität für Kunst geldabhängig ist, man findet Kunstindifferente in allen gesellschaftlichen Schichten. In Wahrheit kann das Gedicht noch so schnell konsumiert werden, oft bleibt es trotzdem lebenslänglich hängen. Die ersten Anwender von homöopathischen Prinzipien waren Dichter.

 

E. Reder: Lieber Aleš, vielen Dank für das Gespräch und für deine Literatur.
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Ewart Reder    2019

 

 
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